Kubo and the Two Strings – Dario Marianelli

kubo-and-the-two-strings-original-motion-picture-soundtracMusik komponiert, dirigiert und produziert von
Dario Marianelli
Orchestriert von
Dario Marianelli & Geoff Alexander
Shamisen-Solisten
Kevin Masaya Kmetz & Hibiki Ichikawa
„While my Guitar Gently Weeps“ komponiert von
George Harrison
Arrangiert von
Dario Marianelli
Gesungen von
Regina Spektor

Der Italiener Dario Marianelli scheint vielen Fans zeitgenössischer Filmmusik nicht so bekannt zu sein wie manch anderer, aber seine Vita hat einiges zu bieten: Er vertonte mehrere Filme von Joe Wright, darunter einige Kostüm-Dramen (“Pride and Prejudice”, “Anna Karenia”), welche seinem klassischen Stil sehr entgegenkommen. Doch im Fall von “Pan” wurde er nach Test-Vorführungen durch John Powell ersetzt, welcher dann den meiner Meinung nach besten Score des Jahres 2015 schrieb. Dennoch ist es eine Schande, das Marianelli seine Arbeit an dem Fantasy-Streifen nicht vollenden konnte, denn seine Scores zu “V for Vendetta” und “The Boxtrolls” haben sowohl epische Qualität als auch wundervoll kreative Orchestrierungen zu bieten, sodass “Pan” sicher ein großartiger Marianelli-Score hätte werden können. Seine Musik zu “Boxtrolls” ist eine gute Überleitung zum hier besprochenen Album, denn “Kubo and the Two Strings” ist der neueste Streich des Stop-Motion-Animationsstudios “Laika Entertainment”.

Das “Laika”-Team hat von Anfang an immer ungewöhnliche Komponisten für seine Werke ausgewählt und jedes Mal hat es sich in höchstem Maße ausgezahlt: “Coraline” inspirierte Bruno Coulais zu einem unglaublich quirrligen und geradezu psychedelischen Score, “ParaNorman” wurde von Jon Brion in der Tradition alter italienischer Horror-Filme vertont und war noch dazu voller Herz und “The Boxtrolls” stellte Dario Marianelli vor die Herausforderung seines ersten Animations-Scores, welche er bravourös meisterte. Für “Kubo and the Two Strings” schwingt er ebenfalls den Taktstock und das Ergebnis ist nichts anderes als die Perfektion in Musik-Form!

Wenn westliche Komponisten sich den Klängen des fernen Ostens in ihrer Musik bedienen, aber dennoch ihren eigenen Stil beibehalten, kommt oft großartiges dabei heraus. Hans Zimmer tat dies mit “The Last Samurai” und zusammen mit John Powell bei der “Kung Fu Panda”-Reihe mehr als erfolgreich, denn dort wurden chinesische bzw. Japanische Einflüsse in die unverwechselbaren Kompositionen der “Remote Control”-Vertreter eingebaut und so etwas Kultur-spezifisches und doch ganz eigenes erschaffen. Marianelli tut dasselbe mit den Merkmalen der japanischen Volksmusik und das schlägt sich nicht nur in Rhythmik und Struktur, sondern auch in der Auswahl der Instrumente wieder: Den Grundstein des Scores bildet die Shamisen, eine dreiseitige gezupfte Laute, deren Klänge die gesamte Musik dominieren, was auch insofern sinnvoll ist, da der Titelheld eben dieses Instrument für seine Magie benutzt. Das Ergebnis ist ein Soundtrack, welcher sich aus einer außergewöhnlichen Mischung aus Score und Source-Music zusammensetzt, denn viele der Shamisen-Melodien werden direkt im Film von Kubo selbst gespielt. So begleitet das Orchester oft nicht nur das Geschehen auf der Leinwand, sondern das Spiel des Helden, was nicht oft in Filmen vorkommt. Gute Beispiele hierfür sind “Story Time” und “Origami Birds” sowie “Monkey’s Story”.

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Der Score baut auf 3 zentralen Themen auf, eines davon für Kubo selbst und seine emotionalen Verbindungen zu den übrigen Charakteren, das zweite für Kubo und seine Gefährten Monkey und Beetle, welche ihn auf der gefährlichen Reise begleiten und das dritte ist eine Art Unter-Motiv des ersten Themas, welches oft bei sehr emotionalen und familienbezogenen Szenen erklingt. Kubos Thema besteht aus drei, beziehungsweise vier Tönen, welche über das gesamte Album verteilt passend variiert werden. Zum ersten Mal hört man es in “The Impossible Waves” bei 0:53, hier noch in der 3-Ton-Form, melancholisch, mit heroischem Anklang und mysteriös. Auch das Unter-Motiv für den emotionalen Kern, hier durch seine Mutter repräsentiert, kommt vor, bevor das für Kubo noch ein paar Mal erklingt, diesmal mit Flöte und Klavierbegleitung. Beide Themen kommen sehr oft im Rest des Scores vor und werden dabei so gekonnt angepasst und in die verschiedenen Szenarien eingewoben, dass man es kaum beschreiben kann. Flott und beinahe versteckt bildet Kubos Motiv die Grundpfeiler für “Story Time”, einen rasanten, von der Shamisen dominierten Track, kehrt mit leiser Flöte zögerlich in “Origami Birds” zurück, erklingt mit einigen sehr schönen Versionen in “The Leafy Galleon” und rührt den Hörer in der erweiterten 4-Ton-Shamisen-Fassung in “Monkey’s Story” zu Tränen, bevor es erstaunlich erwachsen und bedächtig in “Hanzo’s Fortress” bei 1:29 zu hören ist. In „Rebirth“ lässt es in einer leicht veränderten Klavier- und dann in voller Orchester-Fassung mit Chor das Album emotional ausklingen.

Das „Unter-Motiv“ wird im Verlauf des Albums immer dominanter und taucht in unterschiedlicher Form auf, entweder mit traurigem Chor in „Monkey’s Story“ und „Hanzo’s Fortress“ und in einigen Titeln sogar bedrohlich und unheimlich wie zum Beispiel in „Meet the Sisters!“. Das, wie ich es nenne, „Gefährten-Thema“ erfährt seine Einleitung in „Ancestors“, hier noch langsam und sanft, bis es in „The Giant Skeleton“ bei 2:22 heldenhaft mit Trompeten und Hörnern erklingt. Es nimmt auch einen Teil von „The Leafy Galleon“ ein, kommt ausschweifend in „Hanzo’s Fortress“ bei 2:08 und bildet den absolut atemberaubenden Schluss von „Showdown with Grandfather“, welcher den Gefühlsausbrüchen eines Miyazaki-Films würdig ist!

Das Album fährt mehrere großartige Action-Titel auf, „The Giant Skeleton“ ist davon ein absolutes Highlight, aber auch „Story Time“ und „Origami Birds“ wissen mit rasanten Klängen vollauf zu überzeugen. Ebenso werden Horror-Elemente in die Musik eingewoben, „Meet the Sisters!“, „Showdown with Grandfather“ und Above and Below“ sind hier hervorzuheben. Doch was die emotionalen Parts angeht, hat „Kubo“ ganz besonders viel zu bieten, seien es das Haupt-Motiv und seine zahlreichen Variationen an sich, der bezaubernde Track „Kubo Goes to Town“ oder der schon erwähnte „Monkey’s Story“, das Finale von „Showdown with Grandfather“ und auch „Rebirth“, was Marianelli hier mit seinen Instrumenten anstellt, geht dem Hörer sofort zu Herzen. Sogar der Soundtrack-Abschluss, eine neue Version des George Harrison-Songs „While My Guitar Gently Weeps“, funktioniert prächtig im Kontext der Musik dank der angepassten Instrumentierung und der Stimme von Regina Spektor, welche den Song perfekt dem Album anpassen.

Fazit:

2016 ist – trotz einiger Ausreißer nach unten hier und da – bisher ein wirklich gutes Soundtrack-Jahr gewesen, doch „Kubo and the Two Strings“ ist die Krönung: Dario Marianellis Score ist schlichtweg grandios, eine furiose Achterbahnfahrt der Gefühle, mit bombastischer Action, hervorragenden Themen und einem wahrhaftig emotionalen Kern. Die Orchestrierung mit der Betonung der Shamisen ist ebenso gelungen wie die flexiblen Variationen der Motive und der fließende Wechsel zwischen den verschiedenen Stimmungen ist beeindruckend, hört nur auf die Percussion-Stimmen oder flitze-flinken Streicher in den wuchtigen Parts! Wenn diese Musik nicht mindestens eine Oscar-Nominierung ergattert, dann läuft eindeutig etwas falsch in der Branche und das würde mich nur noch in meiner Meinung bestärken, dass hier das bisher beste Score-Album des Jahres vorliegt. Natürlich gibt es nach einer solchen Huldigung die vollen 5/5 Punkte und ich kann nur jedem Filmmusik-Fan raten, sich den Soundtrack so schnell wie möglich zu holen – er ist es mehr als wert!

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. The Impossible Waves – 2:37

  2. Kubo Goes to Town – 1:25

  3. Story Time – 2:10

  4. Ancestors – 2:08

  5. Meet the Sisters! – 2:33

  6. Origami Birds – 3:25

  7. The Giant Skeleton – 3:30

  8. The Leafy Galleon – 4:36

  9. Above and Below – 4:00

  10. The Galleon Restored – 1:06

  11. Monkey’s Story – 2:57

  12. Hanzo’s Fortress – 5:46

  13. United-Divided – 3:02

  14. Showdown with Grandfather – 7:04

  15. Rebirth – 1:33

  16. Whyle My Guitar Gently Weeps (George Harrison & Regina Spektor) – 5:24


3 Gedanken zu “Kubo and the Two Strings – Dario Marianelli

  1. Very Nice!
    Mir fehlt noch der Film-Kontext, aber mit hat „Kubo“ auch sehr gut gefallen. Vor allem am Anfang hat er mich hin und wieder an Goldsmiths „Mulan“ erinnert, was immer ein gutes Zeichen ist, da. „Mulan“ sowohl unter den Disney-Renassiance- als auch den Goldsmith-Scores immer ein heimlicher Favorit. Ich habe ja sowieso eine Schwäche für die Mischung aus klassischem Orchester und ostasiatischer Instrumentierung – ich muss mir dringend noch „The Monkey King 2“ bestellen.

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    1. Stimmt, „Mulan“ ist auch einer meiner Favoriten. Dieser hier bekommt die Mischung aber noch besser hin! Der Film ist übrigens sehr zu empfehlen! Klasse, dass du die Musik aber schon gehört hast. Danke für den Kommentar.

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