Fantastic Beasts and Where to Find Them – James Newton Howard

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Musik komponiert von
James Newton Howard
Album produziert von
James Newton Howard, Sven Faulconer
& Jim Weidman
Dirigiert von
Pete Anthony
Orchestriert von
Pete Anthony, Jeff Atmajian,
Jon Kull, John Ashton Thomas,

Philip Klein, Peter Boyer,
David Butterworth
& Jim Honeyman
„Hedwig’s Theme“ komponiert von
John Williams
„Blind Pig“ komponiert von
J.K. Rowling & Mario Grigorov
Gesungen von Emmi

7 Romane, 8 Filme, ein Sachbuch, ein Märchenbuch und ein Theaterstück: Das von J.K. Rowling erdachte Harry Potter-Universum ist eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Es brachte unzählige Kinder und Jugendliche zum Lesen zurück und setzte Maßstäbe für andere Autoren, die in diesem Feld der Literatur überleben wollten. Als vor einige Jahren der letzte Harry Potter-Film in die Kinos kam, hätten wohl viele nicht zu hoffen gewagt, dass es noch mehr zu erzählen gab! Doch nun ist die Verfilmung des genannten Sachbuches “Fantastic Beasts and Where to Find Them” erschienen und erzählt die Geschichte des jungen Newt Scamander, welcher, lange bevor er als Autor eben jenes Buches Erfolg haben sollte, zahlreiche Abenteuer mit seinen Tierwesen erlebte. Der erste Film der Spinoff-Reihe besticht mit toller Besetzung, schönen Visuals und einem grandiosen Kreaturen-Kabinett sowie einer Story, die ein bisschen zu verworren ist für einen Einstiegs-Film dieser Art, aber dennoch zu unterhalten vermag.

Auch musikalisch hatten die Potter-Filme allerhand zu bieten: John Williams lieferte mit den ersten drei Filmen weit mehr als die Grundlage, seine Scores waren voll von Magie, tollen Themen und cleveren Strukturen. Patrick Doyle, Nicholas Hooper und Alexandre Desplat brachten in den Sequels ihre eigene Stimme mit ein und sorgten für gemischte bis sehr gute Hörerlebnisse (Wer mehr erfahren möchte, dem seien die sehr detaillierten Reviews sämtlicher Potter-Scores meines geschätzten Kollegen von Hemator’s Blog empfohlen)! Im Fall von “Fantastic Beasts” fiel das Los auf James Newton Howard, eine großartige Wahl, da er gerade im Fantasy-Bereich immer seine besten Arbeiten abliefert (ich muss hier nicht erst auf meine Review zu “The Huntsman: Winter’s War” verweisen, um das deutlich zu machen). Doch das Ergebnis übertrifft selbst meine kühnsten Erwartungen: “Fantastic Beasts” ist nicht nur einer der besten Scores des Jahres 2016, sondern gehört auch zu den besten Soundtracks, die Howard je komponiert hat!

Obligatorischerweise ertönt natürlich John Williams “Hedwig’s Theme”, allerdings nur zweimal und das innerhalb der ersten Minuten des Albums. Es eröffnet “Main Titles” und kehrt in sehr schöner Glockenspiel-Variation in “The Niffler” bei 5:10 zurück. Howards eigenes Material braucht sich vor Williams Arbeiten jedoch nicht zu verstecken, im Gegenteil, ich würde sogar sagen, er übertrifft diese teilweise! Seine zahlreichen Themen sind dabei nicht nur auf einen einzigen Charakter oder Ort beschränkt, vielmehr verwendet er jeweils ein bestimmtes Thema für mehrere Bestandteile des Films, seien es Charaktere, Kreaturen, Orte oder Konzepte. Dies macht es zwar teilweise schwer, die Themen zuzuordnen, doch das Ergebnis ist nichts anderes als wundervoll. Für Newt selbst und seine Tierwesen gibt es mehrere Motive, zwei davon für den Protagonisten und mehrere für die magischen Geschöpfe sowie deren Beziehung zu ihm. Newts Charakter-Thema wird in “Main Title” bei 1:42 vorgestellt, ein verspieltes kleines Stück für Holzbläser und Streicher, welches einige Male wiederholt wird, zum Beispiel in “Inside The Case” bei 0:24, eine reuevolle und traurig-düstere Variation in “In The Cells” (höre ich da versteckt Dudelsäcke?) und noch ein wenig in “End Titles”. Newt hat außerdem ein heroisches Motiv bekommen, welches in “You’re One of Us Now / Swooping Evil” seinen Einstieg feiert und mit gewaltigem Blechbläser-Aufgebot fast ein wenig Wester-artig klingt. Zu hören ist es außerdem am Schluss von “Gnarlak Negotiations”, leicht verändert in “The Demiguise and the Occamy” und laut triumphal-tönend in den “End Titles” und entpuppt sich jedes Mal als echter Showstealer.

Das andere sofort erkennbare Figuren-Material ist für den Nicht-Magier (No-Maj) Jacob Kowalski, passenderweise charakterisiert durch jazz-beeinflusste Melodien, vorgestellt in “There Are Witches Among Us” bei 2:04 und 3:24. Nicht nur sind seine Klänge leicht komödiantisch, sondern auch sehr herzlich und nie albern. In der letzten Minute von “Escaping Queenie and Tina’s Place” kommen sie abermals vor und sind auch in “Jacob’s Farewell” bei 11:06 und in “Jacob’s Bakery” ab 2:00 zu hören, mal etwas witziger, mal unbeholfen und sogar ab und zu sehr emotional betont. Ein weiteres Charakter-Thema ist das des “Obscurus” und kommt im gleichnamigen Titel sowie in “He´s Listening to You Tina” vor. Dem Obscurus und der dunklen Seite des Films sind ebenfalls diese Titel gewidmet, was schon in “Main Title” angekündigt wird und sich in “Credence Hands Out Leaflets” fortsetzt. Teilweise wird die Musik sogar wahrhaft horror-artig, mit kalten und reuevollen Percussions und Streichern sowie Klavier bei 6:35 in “Inside The Case” zum Beispiel.

Die übrigen Themen stellen die unterschiedlichen Aspekte der magischen Welt dar. Die amerikanische Zauberer-Gemeinschaft und die Goldstein-Schwestern teilen sich ein Thema, je nach Anlass entweder groß-orchestral oder nur mit wenigen Instrumenten gespielt, beide Versionen haben jedoch den Chor gemein. Es kommt in der leisen Version in “There Are Witches Among Us” zum ersten Mal vor und nimmt als volles Statement fast den gesamten “Tina Takes Newt In / Macusa Headquarters” für sich in Anspruch. “Peter Pan”-ähnlich kommt es auch in “Pie or Strudel” vor sowie in einigen Tracks der zweiten CD der Deluxe Edition.

Die jedoch beiweitem reichhaltigste und komplexeste Musik wurde für die titelgebenden Tierwesen aufgehoben und hier liegt wahrhaftig das Herz des Scores. Sie beginnt flott, verspielt und frech in “The Niffler” bei 1:30 und erfährt sein Payoff in “Inside The Case”, gleich zu Anfang mit einem mächtigen Statement für den Donnervogel Frank. Anschließend bekommen wir wunderschöne Klänge mit Klavier, Streichern, Hörnern und Holzbläsern geboten, welche – obgleich es an einer wirklichen Richtung fehlt – einfach verzaubern und mal komödiantisch, mal rührend, aber immer magisch klingen. Der ganze Track ist eine bunte Mischung verschiedener Eindrücke, ein jeder distinktiv und wunderbar passend, ein Schlaraffenland für jeden Komponisten, der sich gerne kreativ austobt. “The Erumpent” ist spielerisch und etwas albern mit Gitarre und leichten Percussions und geht bei 1:30 plötzlich in ein übertrieben romantisches, geradezu tänzerisches Stück über, welches für kurze Zeit alles andere dominiert. “The Demiguise and the Occami” ist geheimnisvoll und fremdartig, mit exotischen Holzbläsern und Trommeln sowie Williams-ähnlichen Streichern. Wir sollten hoffen, dass die Musik für die Tierwesen in den Folgefilmen noch weiter ausgebaut und vertieft wird.

Ein weiteres Tierwesen-bezogenes Thema ist eines, welches ich das “Friends”-Motiv nenne und zum ersten Mal in “A Close Friend” zu hören ist. Dieses an Alan Silvestris Titel-Musik zu “The Polar Express” erinnernde Thema steht für Newts tiefe Zuneigung, die er seinen magischen Schützlingen entgegenbringt und erklingt in Titel 12 noch sanft mit Chor und Streichern und erfährt sein glorreiches Comeback in “Newt Releases the Thunderbird” bei 5:02 mit vollem Orchester und Chor, so berauschend und rührend, dass es nicht zu glauben ist. Ohne Zweifel eines der emotionalsten Stücke aus Howards gesamter Karriere, besonders der Ausklang ist nichts für Hörer, die nahe am Wasser gebaut sind. In “Newt Says Goodbye to Tina” kommt es noch einmal mit Klavier, Streichern und natürlich Chor zum Einsatz.

Was diesen Score vor allem besonders macht, sind die tollen New-York-Jazz-Einlagen, welche uns sofort in die entsprechende Zeit und die Location transportieren. Seihen es die Elemente in den Kowalski-Stücken, der Ausklang von “Macusa Headquarters”, das listig-gaunerhafte Stück in “Gnarlak Negotiations” oder nur kleine Statements hier und da, diese Momente geben dem Album noch das gewisse Etwas.

Die Deluxe Edition bietet eine zusätzliche CD mit neun Bonus-Tracks, welche das ohnehin schon klasse Solo-Album perfekt ergänzen, unter anderem eine Magie-Suite in “A Man and His Beasts”, deren letzte 2 Minuten sogar mit einer Jazz-Version aufwarten können, düstere Erweiterungen des Obscurus-Materials in “Soup and Leaflets” und “I’m Not Your Ma”, der Source-Music-Song “Blind Pig”, welcher in Jazz-Klischees schwelgt sowie eine Fortsetzung der “End Titles”, welche noch einmal das Magie-Thema aufgreifen. Der beiweitem beste Track ist jedoch “Kowalski Rag”, welcher sämtliche Elemente der Kowalski-Musik als Suite präsentieren, welche im Verlauf des Titels wachsen und immer lauter und tapferer werden, allerdings zurückhaltend und träumerisch enden. Ein Tuba-Solo ist da nur noch die Kirsche auf der Schlagsahne!

Der Score ist großartig orchestriert und nutzt das gesamte Spektrum seiner Instrumente vollends aus, hier und das auch mit passenden synthetischen Einlagen. Ab und zu erkennt man die Einflüsse anderer Howard-Scores, etwa in der Action “King Kong” und in den sanfteren Parts “Maleficent” sowie, wenn es abenteuerlich wird, “Treasure Planet” und “Hidalgo”. All dies zeigt nur, was für eine inzwischen unverkennbare Stimme James Newton Howard entwickelt hat und wie toll es ist, dass er seinen Stil nicht nur perfekt einzusetzen weiß, sondern auch hegt und pflegt.

Fazit:

Es gibt keinen Weg drum herum: “Fantastic Beasts” ist eines der besten Alben des Jahres 2016. Man hört den Riesenspaß, welchen Howard beim komponieren gehabt haben muss, in jeder Sekunde heraus. Die Musik steckt so voller Kreativität, Hingabe und ist derart themenreich, dass man es kaum in Worte fassen kann. James Newton Howard ist der perfekte Komponist für J.K. Rowlings magische Welt und wir sollten zu sämtlichen Göttern beten, dass er dieser Reihe bis zum letzten Film erhalten bleibt. Einiges Material, speziell die düsteren Parts, werden nur angeschnitten und bieten sich für einen Ausbau und Erweiterungen geradezu an, aber auch in den Themen für Newt und sein Kreaturen-Kabinett gibt es noch viel Potential für mehr. So oder so, dieser Score verdient mit 5/5 die volle Punktzahl und sollte in keiner Soundtrack-Sammlung fehlen. Fans der Harry Potter-Scores werden hier ihre helle Freude haben, so wie Fans von groß-orchestraler Fantasy-Musik allgemein, denn dies ist – ohne übertreiben zu wollen – ein Soundtrack, der ein neuer Klassiker des Genres werden könnte. Ein zauberhaftes Werk für ein zauberhaftes Universum, Musik für die Ewigkeit.

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps (Deluxe Edition):

CD 1

  1. Main Titles – Fantastic Beasts and Where to Find Them – 2:55

  2. There Are Witches Among Us / The Bank / The Niffler – 6:54

  3. Tina Takes Newt In / Macusa Headquarters – 1:56

  4. Pie or Strudel / Escaping Queenie and Tina’s Place – 3:05

  5. Credence Hands Out Leaflets – 2:04

  6. Inside The Case – 9:09

  7. The Erumpent – 3:29

  8. In The Cells – 2:11

  9. Tina and Newt Trial / Let´s Get the Good Stuff Out / You’re One of Us Now / Swooping Evil – 8:00

  10. Gnarlak Negotiations – 2:57

  11. The Demiguise and the Occamy – 4:06

  12. A Close Friend – 1:51

  13. The Obscurus / Rooftop Chase – 3:49

  14. He’s Listening to You Tina – 2:05

  15. Relieve Him of His Wand / Newt Releases the Thunderbird / Jacob’s Farewell – 12:33

  16. Newt Says Goodbye to Tina / Jacob’s Bakery – 3:27

  17. End Titles – Fantastic Beasts and Where to Find Them – 2:21

CD 2

  1. A Man and His Beasts – 8:31

  2. Soup and Leaflets – 2:20

  3. Billywig – 1:31

  4. The Demiguise and the Lollipop – 0:59

  5. I’m Not Your Ma – 2:05

  6. Blind Pig (Emmi) – 1:29

  7. Newt Talks to Credence – 2:13

  8. End Titles, Pt. 2 – Fantastic Beasts and Where to Find Them – 1:22

  9. Kowalski Rag – 5:13


4 Gedanken zu “Fantastic Beasts and Where to Find Them – James Newton Howard

  1. Schön Analyse – mir fiel (und fällt) es auch mitunter etwas schwer, die einzelnen Themen ihren Elementen zuzuordnen, gerade weil es so viele von ihnen gibt und Howard nicht immer ganz streng leitmotivisch vorgeht. Mit der Themenstruktur von „Maleficent“ im Hinterkopf funktioniert das aber dann doch ganz gut. Der einzige Schwachpunkt ist in meinen Augen, dass bislang keines dieser Themen als klare Identität für die Filmreihe vortritt, so wie das Hedwigs Thema bei HP getan hat (dieses Problem hatten auch die Hunger-Games-Filme, wobei deren einzelne Motive weit schwächer waren als die von „Fantastic Beasts“). Aber wer weiß,wie Howard seine Leitmotive in den nächsten Filmen weiterentwickelt.

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    1. Stimmt, ein definitives Leitmotiv für den Film fehlt, auch wenn mehrere das Potential dafür haben (Das Friend-Thema, das für die Magische Welt oder Newts Helden-Motiv), aber besser so, als dass es überhaupt nichts in der Richtung geben würde.

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