Spider-Man: Homecoming – Michael Giacchino

Spider-Man_ Homecoming (Original Motion Picture Soundtrack)Musik komponiert und produziert von
Michael Giacchino
Dirigiert von
Marshall Bowen III
Orchestriert von
Jeff Kryka, William Ross,
Marshall Bowen III, Mick Giacchino,
Cameron Patrick,
Curtis Green
& Michael Giacchino
TV-Thema komponiert von
J. Robert Harris & Paul Francis Webster
„Avengers“-Thema komponiert von
Alan Silvestri

Die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft ist zurück, in einem brandneuen Reboot, welches dem Netzwerfer endlich seinen wohlverdienten Platz im Marvel Cinematic Universe einräumt und ihn in einer kleinen, aber feinen Geschichte als „Lehrling“ von Tony Stark durch New York und Washington D.C. turnen lässt, auf der Suche nach würdigen Aufgaben, die ihn endlich zu einem Avenger machen könnten. Der Film legt den Fokus vor allem auf Spaß, gibt Tom Holland viel Zeit, in der Rolle zu glänzen und Michael Keaton die Gelegenheit, als Adrian Toomes/Vulture nicht nur Alien-Technologie, sondern auch die Show zu stehlen. „Spider-Man: Homecoming“ ist ein herzliches und kurzweiliges Vergnügen, welches die Kinokarte auf jeden Fall wert ist.

Noch höher kann man allerdings den Score bewerten: Dies ist Michael Giacchinos zweiter Beitrag zum MCU nach „Doctor Strange“ (2016) und er ist die perfekte Wahl für einen Superhelden-Soundtrack wie diesen. Giacchino ist immer dann am Besten, wenn er das Orchester für freie, unverfroren fröhliche Musik verwendet, die dem Hörer ohne Scheu ihr Herz entgegenhält. Genau das ist „Spider-Man: Homecoming“: Tönende Action, detaillierte Orchestrierungen und natürlich ein absolutes Ohrwurm-Haupt-Thema, welches dem New Yorker Spinner mehr als würdig ist.

Das Thema für den Wandkrabbler (beteits ausführlich besprochen hier) kommt das erste Mal in „Academic Decommitment“ zum Einsatz, flott, frech und fröhlich, mit Streichern, Trommeln und einem funky Beat, welcher der Musik etwas chilliges verleiht, bis gegen Ende doch noch die etwas lauteren Blechbläser ausgepackt werden und es fast so wirken lassen, als würde ein Schulorchester das Motiv spielen, welches aus 4 6-Noten-Folgen besteht. Tatsächlich muss ich hier aber etwas über das Thema loswerden: So passend und toll ich es auch finde, ich habe irgendwie das Gefühl, dass da was bei Marvel verwechselt wurde. Wer sich noch an Christophe Becks „Ant-Man“-Thema erinnert, wird wissen, dass dieses stets mit einem 8-Schlag-Rhythmus unterlegt wurde, Ameisen haben jedoch nur 6 Beine. Nun hat das Spidey-Motiv 6-Noten-Folgen, Spinnen aber sind Achtbeinig. Höchstwahrscheinlich ist das einfach nur purer Zufall, aber es ist dennoch lustig, wenn man diese gegensätzliche Verbindung bedenkt.

Das Spidey-Thema zieht sich natürlich durch den ganzen Score und erfährt dabei viele verschiedene Variationen. Tatsächlich ist die Themen-Arbeit hier exzellent, denn Giacchino verlässt sich nicht bloß auf pure Statements, sondern dekonstruiert das Motiv immer wieder, lässt es des öfteren nur fragmentiert und unvollständig erklingen und erlaubt ihm nur die vollständige Version, wenn es angebracht ist. „On A Ned-To-Know Basis“ bietet eine heimlich-leise Version mit gezupften Geigen und Holzläsern auf (einfach wundervoll!), In „Drag Racing / An Old Van Rundown“ ist es in die Action eingewoben (Ja, Michael, ich kann auch Wortspiele machen!), toll und teilweise versteckt kommt das Motiv in „Webbed Surveillance“ und „No Vault Of His Own“ vor, in „Monumental Meltdown bei 1:28 so großartig wie auch irgendwie niedlich und bei 3:46 etwas triumphaler. „The Baby Monitor Protocol“ ist es versteckter denn je zu hören.

Danach verschwindet es für eine Weile aus dem Score und kommt erst in „Bussed A Move“ zurück, fragmentiert in die diesmal etwas bedrohlichere Action eingebaut. Erhaben-aufsteigend hören wie es in „Lift Off“, in Teilen in „Fly-By-Night Operation“ und am Ende von „Vulture Clash“ heroisch. In „A Stark Contrast“ kommt eine schöne Variation mit Harfe und Klavier vor, sehr emotional, nur um von einer flotteren Version mit Holzbläsern und klackernden Percussion abgelöst zu werden in den letzten 1 ½ Minuten. „No Frills Proto Cool!“ lässt es wieder triumphal erklingen und die abschließende Suite ist ein angemessener Abschied von Thema und Album.

Allerdings ist der Score nicht monothematisch, beiweitem nicht, denn das Motiv für den Vulture erfährt ebenfalls eine große Entwicklung. Tatsächlich hören wir es schon in „The World Is Changing“, hier noch leise und sanft, bevor Adrian Toomes zum Schurken wird. Die Entwicklung findet bereits in diesem Titel statt, da es sich über die Dauer des Tracks immer mehr ins Düstere verändert und am Schluss laut, tönend und gefährlich ertönt. Das Thema besteht aus 5 aufsteigenden Tönen und einer 5-notigen abfallenden Antwort, die Melodie steigt und fällt – wie ein Vogel! Das Motiv unterbricht die Action von „Drag Racing / An Old Van Rundown“ bei 2:54 in ganzer Größe und hier fällt auch auf, wie gut sich die Musik für „Die Unglaublichen“ machen würde, würden nur die Jazz-Elemente nicht fehlen. Auch in „Webbed Surveillance“ kommt es kurz vor, zusammen mit einem neuen Element, einem 6-Schlag-Rhythmus, der wirkt wie eine düstere Version des Spidey-Themas, um Gefahr zu verdeutlichen, dieses Konzept kommt ab dieser Stelle des öfteren zum Einsatz. Unterschwellig hören wir das Vulture-Motiv in „A Boatload Of Trouble Part 1“, damit es in „Part 2“ die Musik dominieren kann. Sehr gut ist sein Einsatz in „Pop Vulture“, denn hier bekommen wir Suspense-geladene Düsternis geboten, die 6-Gefahren-Schläge kommen leise und dennoch wirkungsvoll zum Einsatz und das Vulture-Thema mit Klarinette und Klavier, gegen Ende mit geradezu Horror-artiger Spannung. Laut findet es in „Lift Off“ seinen Platz, am Ende sogar als Helden-Variation, hoffnungsvoll und großartig und so passend, dass man es auch nur in solchen Versionen hätte spielen können und man hätte es für ein echtes Helden-Thema gehalten. In alter Manier hören wir es noch in „Fly By-Night Operation“ und bombastisch in „Vulture Clash“.

Ein anderes kleines Thema, dass eher Action-orientiert und ebenso Spider-Man gewidmet ist, hören wir zum ersten Mal in „High Tech Heist“, welches eine große Ähnlichkeit mit dem neuen Spock-Motiv aus „Star Trek Beyond“ hat. Ab 0:55 kommt es auch in „Drag Racing“ vor sowie in „Monumental Meltdown“. Überhaupt nimmt die Heist-Musik einen großen Teil des Albums ein und erinnert dementsprechend eher an „Ant-Man“ als an andere Marvel-Scores, was nur begrüßenswert ist. Fans dieser Art von Musik sollten sich „High Tech Heist“, „Drag Racing“, „Webbed Surveillance“ und „The Baby Monitor Protocol“ anhören. Natürlich gibt es auch etwas fürs Herz, zum Beispiel in den letzten 40 Sekunden von „No Vault Of His Own“ mit sanfter Klarinette und Harfe. Dieses Thema steht für Peter und seinen Herzschmerz und erinnert sehr an „Tomorrowland“. Auch am Ende von „Monumental Meltdown“ kommt es vor, sowie in der Suite.

Es muss noch über zwei weitere Themen gesprochen werden, und zwar sowohl positiv als auch negativ. Tatsächlich eröffnet der erste Score Titel „The World Is Changing“ (nach einer neuen orchestralen Version der klassischen TV-Melodie in Track 1) mit dem „Avengers“-Thema von Alan Silvestri, was vom Kontext her auch absolut angemessen ist. Es ist auch zu Beginn von „A Stark Contrast“ zu hören, diesmal etwas kräftiger, da die entsprechende Szene an einem für die Avengers bedeutungsvollen Ort spielt. Für diese Art der thematischen Kontinuität bin ich sehr dankbar, was allerdings enttäuscht, ist die Tatsache, dass Iron Man sein inzwischen VIERTES Thema verpasst bekommen hat. Zum Ersten Mal kommt es am Ende von „An Old Van Rundown“ vor und, besonders deutlich, in „Ferry Dust Up“ bei 1:52. Es ist zwar einigermaßen passend und schwimmt eindeutig im Fahrwasser von „Die Unglaublichen“, aber für meinen Geschmack klingt es viel zu naiv und altmodisch, nicht nur bei den Blechbläsern, sondern auch, was die Percussion angeht. Warum konnte Brian Tylers Motiv nicht übernommen werden? Steht wirklich nur das Avengers-Thema zur Verfügung, von anderen Komponisten verarbeitet zu werden (und Henry Jackmans Falcon-Thema aus „Winter Soldier“, welches in „Ant-Man“ zu hören ist)? Etwas besser variiert kommt das neue Iron-Man-Motiv in „A Stark Contrast“ vor, leise und etwas zurückhaltend.

Stilistisch ist der Score den „Star Trek“-Scores und „The Incredibles“ am nächsten, plus ein wenig „Tomorrowland“. Orchestrierung, Melodien und Rhythmus sind unverkennbar Giacchino. An dieser Stelle muss ich wirklich hervorheben, was für eine besondere Stellung Giacchino inzwischen in der Filmmusik-Industrie einnimmt: Er stützt sich auf seine Themen und lässt diese die Stützpfeiler für seine Scores sein, seine Musik ist klar strukturiert und immer mitreißend und nie langweilig. Er lässt selten Leerlauf zu und konzentriert sich darauf, den Hörer stets zu leiten und dennoch des öfteren zu überraschen. Er erzählt eine Geschichte mit seiner Musik, man hört die Entwicklungen und spürt das Wachsen der Charaktere, man weiß, dass sich Spider-Man zu Anfang erst noch zurechtfinden muss und er am Ende ein wenig mit seinen Aufgaben gewachsen ist, wohingegen das Vulture-Motiv sogar noch komplexer eingesetzt wird. Seine Action-Tracks sind so flott wie unterhaltsam, das „Vulture“-Thema ist so kräftig wie bedrohlich und die Wahl der Instrumente könnte passender nicht sein. Mit der Ausnahme einiger elektronischer Unter-Elemente ist die Musik orchestral und alles klingt so unglaublich lebendig und unverfälscht! Wer geduldig ist, den erwarten in der auf der CD im Vergleich zum Download längeren Suite noch zwei kleine Easter-Eggs, zum einen ab 6:15 ein cheesiger Werbe-Jingle, der anscheinend für Peters Schule gedacht ist, und ganz am Schluss ein Schulorchester-Tonleiter-Einspieler, den man an einer Stelle im Hintergrund einer Schul-Szene hören kann. Witzig!

Fazit:

Die Musik des MCU mag einen etwas wackeligen und unsteten Start gehabt haben (auch wenn Ramin Djawadis Musik zum ersten „Iron Man“ durchaus ihre Vorzüge hat, wenn man ihr etwas mehr Zeit widmet), aber inzwischen bestechen diese Superhelden-Filme mit einer guten Auswahl von unterhaltsamen Scores. „Spider-Man: Homecoming“ untermauert nur ein weiteres Mal, was für ein Glücksgriff Michael Giacchinos Beitritt zum Marvel-Kosmos war und beweist sein beeindruckendes Talent einmal mehr, da dieser Soundtrack ganz anders klingt als „Doctor Strange“ (wenn man von einigen dissonanteren Parts in der Mitte, besonders bei den Fähren-Titeln, absieht. Außerdem, bin nur ich das, oder hört man in „Fly-By-Night Operation“ einige Danny Elfman-Stilistiken heraus?). Der Einsatz des Orchesters lässt nichts zu wünschen übrig, besonders den Blechbläsern und dem Schlagwerk wird viel tönender und stampfender Platz eingeräumt, aber die Musik vergisst nie, für welchen Superhelden sie gedacht ist, und besitzt genug Leichtigkeit und einfach wahnsinnig viel Spaß, um auf voller Länge zu überzeugen. Es mag natürlich sein, dass sich bestimmte Hörer an diesem Überfluss von ehrlichem Gefühl, Herz und Emotion im Score stören, aber ich bin mir sicher, dass dieser Soundtrack mehr Fans als Gegner finden wird. „Spider-Man: Homecoming“ ist musikalisch auf jeden Fall ganz weit oben auf der langen Liste von Marvel-Scores anzusiedeln und verdient 4,5/5 Punkte, ohne Zweifel ein weiterer Triumph in Michael Giacchinos Karriere und schon jetzt einer der besten Scores des Jahres 2017. See you in a few, Michael, when you will surely aping up your skills in your „War for the Planet of the Apes“-Soundtrack. Until then, I will be here, having fun with your friendly neighborhood Spider-Man, listening to his new music again and again.

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Theme From Spider-Man (Original Television Series) – 0:41

  2. The World Is Changing – 4:12

  3. Academic Decommitment – 1:59

  4. High Tech Heist – 1:28

  5. On A Ned-To-Know Basis – 1:47

  6. Drag Racing / An Old Van Rundown – 4:08

  7. Webbed Surveillance – 4:42

  8. No Vault Of His Own – 2:29

  9. Monumental Meltdown – 5:25

  10. The Baby Monitor Protocol – 1:39

  11. A Boatload Of Trouble Part 1 – 3:11

  12. A Boatload Of Trouble Part 2 – 2:18

  13. Ferry Dust Up – 2:52

  14. Stark Raving Mad – 1:56

  15. Pop Vulture – 3:07

  16. Bussed A Move – 1:45

  17. Lift Off – 5:27

  18. Fly-By-Night Operation – 2:25

  19. Vulture Clash – 4:09

  20. A Stark Contrast – 4:43

  21. No Frills Proto Cool! – 0:36

  22. Spider-Man: Homecoming Suite – 7:29

 


4 Gedanken zu “Spider-Man: Homecoming – Michael Giacchino

  1. War ja so klar, dass wir beide am exakt gleichen Detail rummeckern. Warum nur habe ich den Verdacht, dass uns Mark Motherbaugh im Herbst das dritte Thor-Thema vorsetzt? Ansonsten: Sehr schöne Analyse. Obwohl sich unsere Meinung wie üblich gleich, finde ich, dass sich unsere Rezensionen dieses Mal sehr gut ergänzen, weil jeder ein paar Details anspricht, die beim anderen nicht erwähnt werden.

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    1. Hihi, hab mir auch gedacht, dass du was dazu sagst. Allerdings gehst du nicht wirklich darauf ein, wie du das Iron-Man-Thema findest, bis auf den Ottman-Vergleich (der mir erst jetzt auffällt). Teilst du meine Meinung? Ansonsten: Du hast wirklich recht, wir ergänzen uns perfekt!

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      1. Im großen und ganzen schon funktional, mit dem Thema für sich habe ich weniger Probleme. Aber es repräsentiert Iron Man bei weitem nicht so gut wie das Tyler-Thema. Das hört man und denkt „Iron Man“. Das neue hört man und denkt „Welcher X-Man ist jetzt gerade heroisch?“

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      2. Das muss ich jetzt wohl auch ständig denken. Klassische Ideen und Nostalgie in Ehren, aber Giacchinos Idee für Iron Man war mir echt viel zu altmodisch und merkwürdig… kindlich-naiv? Vielleicht war das aber auch Absicht, um Starks Idol-Rolle in Peters Augen passend zu unterstreichen.

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