Übersehene Schätze: Seventh Son (2015) – Marco Beltrami

Seventh Son (Original Motion Picture Soundtrack)

Musik komponiert und produziert von
Marco Beltrami
Dirigiert von
Matt Dunkley
Orchestriert von
Andrew Kinney, Rossano Galante,
Dana Niu, Pete Anthony,
Jon Kull, Gernot Wolfgang,
Mark Graham & Abe Libbos
Ergänzende Musik von
Brandon Roberts & Marcus Trumpp

With very special thanks to Jonathan Broxton!

Seventh Son“ hatte eine lange und komplizierte Entwicklungsgeschichte: Ursprünglich für einen 2013er Kinostart vorgesehen, ging der Visual Effects-Firma „Rhythm and Hues Studios“ das Geld aus und musste von Legendary Pictures finanziell unterstützt werden. Zudem wechselte der Vertrieb von Warner zu Universal, Regisseur Sergei Bodrov wurde von der Post-Produktion größtenteils ausgeschlossen und letztendlich floppte der Film, als er Februar 2015 schließlich in die amerikanischen Kinos kam, was wahrscheinlich auch auf schlechte Fan-Reaktionen zurückzuführen war, welche in dem Film keine angemessene Verfilmung des Kinderbuchs von Joseph Delaney erkannten (Originaltitel: „The Spooks Apprentice“). Wenn ein Film eine jahrelange, von Problemen geplagte Produktionszeit hat, hofft man in der Regel immer auf das Beste, dass sich in diesem Fall wenigstens die Schwierigkeiten gelohnt haben. Doch leider ist „Seventh Son“ nicht mehr als ein extrem generischer Fantasy-Film, der prinzipiel mehr Potential hätte. Das Schauspiel ist größtenteils solide, besonders im Fall von Jeff Bridges, der eine wahnsinnig unterhaltsame Performance abliefert (teilweise hat man das Gefühl, den Dude als Magier vor sich zu sehen) und die Effekte sind nicht immer perfekt, aber dennoch in Ordnung. Doch nicht nur die Flachheit der Handlung, auch vermeintlich rassistische Untertöne wurden kritisiert, welche, angesichts der Hautfarbe der meisten Bösewichter, nicht ganz unbegründet sind.

Auch musikalisch hatte der Film eine holprige Fahrt: Zuerst wurden Tuomas Kantelinen und A.R. Rahman als Komponisten verpflichtet (ersterer ein sehr talentierter Finne, dessen Filmografie einen Blick wert ist), doch später aufgrund von Terminschwierigkeiten durch Marco Beltrami ersetzt, welcher jedoch wohl auch nicht die unproblematischste Zeit mit dem Projekt hatte. Zwar wird er als Komponist genannt, doch im Booklet der CD liest man nur die Danksagungen der beiden ergänzenden Komponisten Roberts und Trumpp, und weder Dirigent noch Orchestratoren sind gelistet (hier musste ich den Abspann des Films zu Rate ziehen), was natürlich die Frage aufwirft, wer genau eigentlich was komponiert hat. Noch dazu ist der Soundtrack in Deutschland nicht öffentlich erhältlich, weder auf Amazon noch auf iTunes kann man ihn finden, erst eBay verschaffte mir da Abhilfe. So mühselig und kompliziert der Kauf der CD ist, so empfehle ich doch, die Mühen auf sich zu nehmen, denn „Seventh Son“ ist meiner Meinung nach eines der besten Werke des Komponisten überhaupt, wobei ich zugeben muss, dass ich nie ein großer Fan Beltramis war, zu beliebig und vergessenswert fand ich die meisten seiner Scores. „Seventh Son“ jedoch hat bei mir genau den richtigen Nerv getroffen!

Der Score ist größtenteils vollständig orchestral und wird von mehreren Themen getragen, welche jeweils als Motive für bestimmte Figuren und Konzepte eingesetzt werden. Das mit Abstand beste Thema ist dasjenige für Jeff Bridges‘ Master Gregory und seinen Status als Spook. Wir hören es bereits in „Prologue“ bei 1:22, zumindest die erste Hälfte, laut und dramatisch, danach fragmentiert in „Gregory In Tavern“ und zum ersten Mal vollständig in „Gregory‘s Theme“ als Suite. Es ist berührend, ehrwürdig und hier wundervoll vorgetragen mit Celli und Geigen, bestehend aus 10 Noten, die jedoch immer für den richtigen Effekt variiert werden. Eine besonders würdevolle Version eröffnet „Tapestry Of Falcons“ und „A Spook In Training“ lässt es flotter und entschlossener während einer Montage erklingen, mit viel Streicher-Unterbau und angemessen heroischen Hörnern. Eine ruhigere Holzbläser-Form kommt in „Failed Spook And Half Witch“ vor, aufrecht und erhaben hören wir es am Ende von „A Witch‘s Son A Spook‘s Apprentice“ und am Schluss von „Tom Assumes His Position“ langsam aufsteigend. In „I Will Haunt You“ gewinnt es langsam die Oberhand, um schließlich vollständig zu übernehmen, so ähnlich verhält es sich mit „Dust In The Wind“. Das Motiv hat eine Menge Charakter und bleibt lange im Ohr, besonders die Celli-Anteile verleihen ihm auch noch einen echten „Game Of Thrones“-Vibe.

Es gibt noch zwei weitere Themen, die eng miteinander verwandt sind, das eine gilt der obersten Hexe Madam Malkin, welches „Prologue“ eröffnet und mit seinen düster-ominösen vier Tönen ein wenig Ähnlichkeit mit dem berühmten James Horner-Gefahren-Motiv vorweisen kann, zudem erinnert es an Wojciech Kilars „Bram Stoker‘s Dracula“. Es kommt über den ganzen Score hinweg verteilt vor, ist voller List und Tücke. Wir hören es in „Malkin Unleashed“, „Pendle Mountain“, hier voll orchestriert, lauernd in „Tapestry Of Falcons“ und „A Spook In Training“, wo es sich geradezu einmischt, besonders gruselig und nachhaltig in „City Attack“, nur eine Art Echo davon in „Do You Love Me?“, mit Chor in „Into Darkness“ und sehr oft und laut in „Battle Of Pendle Mountain“ und „I Will Haunt You“.

Das andere gilt allgemein den magischen Kreaturen, aber ganz besonders den Hexen. Es wird in „Gregory Meets Tom / Pendant“ vorgestellt und ist im Prinzip das Gegenstück zu Gregorys Thema, in diesem Fall düster-tückisch, auf und abfallend zwischen 8 und 12 Tönen schwankend, an John Williams erinnernd. Es erfährt eine überaus interessante Variation in „Master Sergei“ mit Cembalo, Holzbläsern und Glockenspiel, ebenfalls mit großer Williams-Ähnlichkeit (hört nur auf die tollen Streicher!). In der letzten Minute wird es lauter und zu einem beinahe stampfenden Marsch. Absolut großartige Orchesterarbeit! Es vermischt sich auch mit dem Rest in „A Spook in Training“, kommt mit einer sehr cleveren Glockenspiel-Verarbeitung in „Blue Spark“ zurück, halbwegs versteckt in „Facing Urag“, mit Harfe eingewoben in „I‘m Not Like You“ und in „Failed Spook And Half Witch“ haben wir eine extra-listige Klarinetten-Version (warum werden eigentlich so gern Klarinetten für diese Art von Musik verwendet?), bis es noch viel schöner mit Solo-Flöte zu vernehmen ist. Beeindruckend und deftig kommt es in „What‘s A Boggart?“ vor, bis es sich in den Titeln „A Witch‘s Son A Spook‘s Apprentice“ und „Battle Of Pendle Mountain“ mit dem Malkin-Motiv sehr wirkungsvoll vermischt, wobei sich beide perfekt ergänzen.

Desweiteren gibt es noch ein Thema für die Gefolgsleute Malkins, das hier und da in den Vordergrund tritt, besonders in „Forest Ambush“ und „Into Darkness“.

Die Orchester-Arbeit in diesem Album ist nichts anderes als absolut phantastisch! Interessanterweise hört man gewisse Stilistiken von anderen Komponisten heraus, nicht nur der schon erwähnte John Williams, sondern auch Alan Silvestri wird mehr als einmal gechannelt, wenn zum Beispiel in „City Attack“ ein orientalischer Anklang für einen Vergleich zu „The Mummy Returns“ sorgt und „Battle Of Pendle Mountain“ in seiner Lautstärke und Anarchie an „Van Helsing“ erinnert. Die Blechbläser in „Facing Urag“ und „What‘s A Boggart?“ sind denen John Powells würdig, so dermaßen tönend und flirrend springen sie dem Hörer entgegen, aber ganz besonders sind hier die Percussion zu erwähnen, die man so dermaßen krachend, brachial, rhythmisch und bombastisch wirklich nicht oft genug zu hören kriegt. Wann immer das Schlagwerk mehr Platz eingeräumt bekommt (und das ist in diesem Album oft der Fall), so ist das Ergebnis ein wahres Fest für die Ohren! Besonders zu erwähnen sind noch „End Credits“, welches in einem grandiosen Abspann-Stück alles zu bieten hat, was man sich von einer Fantasy-Musik nur wünschen kann, gewaltiges Orchester mit Chor und vielfältigen Percussion präsentieren tolle Statements des Spook-Motivs und des Hexen-Themas, laut und episch, die finale Steigerung mit immer deftiger werdendem Schlagwerk ist einfach nicht zu glauben, sowie „The Spook‘s Apprentice“, wo wir das Hexen-Kreaturen-Thema als Suite hören können, hier besonders abwechslungsreich und nach John Williams klingend (ah, diese tollen Hörner und Fanfaren)! Wann immer es rasant und laut wird, bekommt die Musik erst so richtig die Gelegenheit, zu scheinen. Außerdem hört man ab und zu ein dezentes elektronisches Element, eine Art wehklagenden Schrei, immer dann, wenn Spannung und die Horror-Anteile übernehmen (zum Beispiel jeweils am Ende von „Tom Assumes His Position“ und „Battle of Pendle Mountain“).

Fazit:

Mir ist bewusst, dass dies eine ganze Menge an Lobpreisungen ist, doch ich kann mir nicht helfen: „Seventh Son“ ist wahrhaftig ein Meisterwerk. Die Vielfalt von Action, Grusel und Gefühl, der fließende und kluge Umgang mit den memorablen Themen und der unglaubliche Klang und das Volumen der Instrumente lassen einfach keine Wünsche offen. Die stilistischen Vorbilder wurden offensichtlich mit Bedacht ausgewählt und das Resultat spricht umso mehr für sich. Marco Beltrami und sein Team haben unglaubliche Arbeit geleistet und es ist eine absolute Schande, dass diesem Score nicht die Möglichkeit geboten wird, mehr Fans für sich zu gewinnen. Wer neugierig ist, findet bestimmt auf YouTube ein paar Hörproben (Ich empfehle vor allem die End Credits), und wer ein besonderes Herz hat, der sollte versuchen, die CD käuflich zu erwerben, egal wie! „Seventh Son“ ist ein klangvoller, detailfreudiger und orchestraler Triumph, für den ich gerne 4,5/5 Punkte vergebe und abschließend euch allen bei der Suche nach dieser Perle viel Erfolg wünsche!

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Prologue – 2:35
  2. Gregory In Tavern – 1:09
  3. Malkin Unleashed – 3:44
  4. Gregory Meets Tom / Pendant – 3:41
  5. Pendle Mountain – 2:50
  6. Gregory’s Theme – 2:17
  7. Master Sergei – 2:22
  8. Tapestry Of Falcons – 1:59
  9. A Spook In Training – 2:26
  10. Ghasts & Ghouls – 2:16
  11. Blue Spark – 3:11
  12. Facing Urag – 4:17
  13. I’m Not Like You – 1:39
  14. Failed Spook And Half Witch – 2:58
  15. What’s A Boggart? – 2:22
  16. A Witch’s Son A Spook’s Apprentice – 2:06
  17. City Attack – 4:32
  18. Do You Love Me? – 1:48
  19. Forest Ambush – 2:13
  20. Tom Assumes His Position – 2:40
  21. Into Darkness – 2:27
  22. Battle Of Pendle Mountain – 5:00
  23. I Will Haunt You – 4:21
  24. Dust In The Wind – 2:58
  25. End Credits – 2:02
  26. The Spook’s Apprentice – 3:11
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2 Gedanken zu “Übersehene Schätze: Seventh Son (2015) – Marco Beltrami

  1. Ja, definitiv einer der besten Beltrami-Scores, vielleicht auch, weil er sich wegen der Williams-Anleihen doch recht stark von anderen Beltrami-Arbeiten unterscheidet. Sonstige Beltrami-Scores wirken auf mich oft weitaus „gröber“, weit weniger filigran und elegant instrumentiert. Die Ausnahme ist natürlich „Gods of Egypt“, das einen starken Goldsmith-Vibe hat. Für „Hellboy“ hab ich auch noch einiges übrig.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, da hast du recht. Was mir besonders sauer aufstößt, ist die Tatsache, dass Beltrami inzwischen der Go-To-Guy ist, wenn es um schlechte Horror-Remakes geht. Und absolut Verständnislos stehe ich seiner Zusammenarbeit mit Phillip Glass bei „Fant4stic“ gegenüber. Was sollte das denn bitte?

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