Thor: Ragnarok – Mark Mothersbaugh

Thor_ Ragnarok (Original Motion Picture Soundtrack)Musik komponiert von
Mark Mothersbaugh
Soundtrack produziert von
Alan Meyerson
& Mark Mothersbaugh

Original „Thor“-Material komponiert von
Patrick Doyle
Dirigiert & orchestriert von
John Ashton Thomas
Ergänzende Musik von
Wataru Hokoyama

Thor: Ragnarok“ ist nicht nur ein Showcase dafür, dass Independent-Regisseure wie Taika Waititi durchaus ihren persönlichen Stempel auf einem Multi-Millionen-Blockbuster hinterlassen können, sondern zeigt außerdem, dass ein düsterer Titel wie „Ragnarok“ nicht automatisch auch entsprechendes bedeuten muss: Tatsächlich ist der Film fast durchgängig eine irrwitzige Komödie, welche Cast und Crew vollkommen frei drehen lässt und dennoch sehr gelungene Action und emotionale Performances zu bieten hat. Teilweise passen Comedy und die etwas ernsteren Szenen nicht wirklich gut zusammen, aber größtenteils unterhält der Streifen herausragend und bildet einen tollen Abschluss der dritten Phase des MCU.

Die Musik der Marvel-Filme hat seit jeher einen umstrittenden Stand sowohl in der Filmmusik-Community als auch unter den allgemeinen Fans: Viele verschiedene Komponisten waren bisher am Comic-Universum beteiligt und anfangs wurde thematische Kontinuität vollständig ignoriert. Seit einiger Zeit ist Marvel aber viel besser geworden und hatte nicht nur teilweise wirklich großartige Scores von Christophe Beck, Brian Tyler, Michael Giacchino und sogar Danny Elfman zu bieten, es gab hier und da auch Referenzen an bereits etablierte Themen. Nach wie vor wird der Marvel-Musik aber zu wenig Variation und vor allem fehlende Erinnerungswürdigkeit vorgeworfen, die Scores seien blass, vorhersehbar und kalkuliert. Diesen Vorwurf wollte Regisseur Waititi aus der Welt schaffen und heuerte für „Ragnarok“ Mark Mothersbaugh an – eine Wahl, die weltweit für Überraschung sorgte.

Mothersbaugh ist ein – sozusagen – spezieller Komponist. Seines Zeichens der Hauptsänger der New Wave-Band „Devo“, lieferte er bereits seit den späten 80ern die Soundtracks zu zahlreichen Filmen und Serien ab. Ich persönlich wurde zum ersten Mal durch seinen Score zu „Cloudy with a Chance of Meatballs“ (2009) auf ihn aufmerksam und schnell etablierte er sich als Stammkomponist des Regie-Duos Phil Lord und Christopher Miller („21/22 Jump Street“, „The Lego Movie“), wobei er seine erfolgreiche Karriere auch in anderen Filmen fortsetzte. Ich habe ab und zu meine Schwierigkeiten mit Mothersbaughs Stil: Einerseits finde ich seine Klang-Experimente sehr interessant und memorabel, andererseits klingen einige seiner Themen zu generisch und simpel und seine Scores leiden des öfteren unter einem Zuviel von Schizophrenie. Man muss allerdings zugeben, dass seine Themen extrem schnell ins Ohr gehen und dieses auch nicht so bald wieder verlassen. Genau das ist auch mit „Thor: Ragnarok“ geschehen, jedoch mit noch einem weiteren Pluspunkt: Nicht nur ist dies ein Marvel-Score mit extrem großem Alleinstellungsmerkmal, sondern, genau wie der Film, größtenteils eine sehr spaßige und kreative Angelegenheit.

Wie erwartet, gibt es ein neues Thema für Thor selbst, jedoch ist Mothersbaugh hier sehr clever vorgegangen und hat im Prinzip ein Hybrid-Thema aus dem Thor-Material von Patrick Doyle und Brian Tyler geschaffen. Lässt man die „Ragnarok Suite“ außen vor, mit welcher das Album eröffnet, hört man eine erste Anspielung in „Running Short on Options“ bei 1:38 und ein volles Statement inklusive E-Gitarren in „Thor: Ragnarok“ während der Titel-Einblendung. Es ist sowohl kraftvoll als auch leicht ironisch und bildet tatsächlich eine schöne Brücke zwischen den Themen aus den ersten beiden Filmen. Und das wichtigste: Es ist tatsächlich sehr erinnerungswürdig! Als nächstes kommt es in „Arena Fight“ vor, wo es wortwörtlich versucht, die Oberhand zu gewinnen. In einer puren Synthie-Version kehrt es in „What Heroes Do“ zurück, danach in „The Revolution Has Begun“ und in einer neuen Variation in „Sakaar Chase“. „Where To?“ präsentiert es ab 0:48 auf Hörnern und natürlich ist es im Abspann-Stück „Planet Sakaar“ eingebaut.

Abgesehen davon ist der Score nicht wirklich Themen-bezogen, sondern eher eine Mischung aus verschiedenen Eindrücken und Stilistiken, welche jedoch überraschend gut funktionieren. „Ragnarok Suite“ ist ein schönes Beispiel für die Art, wie Mothersbaugh den typischen Thor-Orchester-Sound mit seinen Synthie-Spielzeugen verbindet, hier hören wir eine beeindruckende Bandbreite von Tempi, Gefühlen und Instrumenten. „Running Short on Options“ bietet Männerchor und einen an „Conan The Barbarian“ erinnernden Marsch auf, „Twilight of the Gods“ berührt sehr durch den Einsatz der Hardanger-Fidel. „Hela vs. Asgard“ ist lauernd, gefährlich und brachial, nahezu Alan Silvestri-artig und repräsentiert die Schurkin Hela, gefolgt von sanftem Solo-Gesang. Deftiges Orchester kommt auch in „Where‘s the Sword?“ sowie in „Devil‘s Anus“, besonders Blechbläser, wohingegen „Asgard Is a People“ eine tolle Mischung aus allem darstellt, darunter abermals abfallende Streicher („Fury Road“ schon wieder?).

Der kreativste Aspekt des Scores ist aber zweifelsohne der gewaltige Synthesizer-Anteil. Mothersbaugh scheint einer der wenigen Komponisten zu sein, die wissen, wie man diese richtig einsetzt. Warum bemüht sich zum Beispiel Hans Zimmer, Synthies wie echtes Orchester klingen zu lassen? Wenn man die schon benutzt, so sollten diese auch entsprechend herausstechen und so klingen, wie sie sollen! Musiker wie Harry Gregson-Williams und besonders Mark Mothersbaugh verstehen das und zelebrieren in ihren entsprechenden Arbeiten diese Klangform wundervoll! Mit Thors Ankunft auf Sakaar übernehmen die schön abgespaced klingenden 80er-Synthies einen Großteil des Albums und verströhmen nicht nur einen leichten Carpenter-, sondern vor allem einen Oldschool-Videospiel-Vibe. In „Where am I?“ sind es noch geheimnisvolle, desorientierende Wellen, „Grandmaster‘s Chambers“ ist zu Anfang ein weitläufiger Soundscape („Blade Runner“ sehr ähnlich), „No One Espaces“ ist extrem flott und selbstbewusst mit Beats und Blubbern, inklusive Percussion. Dieses Prinzip wird in „Arena Fight“ fortgesetzt, allerdings merklich deftiger und mit mehr Orchester-Anteil, was dem Track ordentlich Wumms verleiht. „Go“ klingt mit seinen vagen „Jaws“-Anleihen irgendwie verschroben, „What Heroes Do“ ist, wie schon erwähnt, eine reine Synthie-Version des neuen Thor-Motivs, „Flashback“ dröhnt düster zu Beginn, bis zu etwas hellerer Elektronik übergeleitet wird. „Parade“ ist ein diagetisches Stück und einfach wundervoll schräg, durchsetzt mit hellen Percussion-Schlägen, man bekommt beim Hören sofort gute Laune! Die folgenden Titel sind wieder flotter und temporeich, jedoch niemals hektisch, besonders „Sakaar Chase“ ist hier zu erwähnen. „Planet Sakaar“ ist mit seinen Fiepsern und verfremdeten quietschigen Stimmen ein typischer Mothersbaugh und „Grandmaster Jam Session“ ist ein weiteres Source-Music-Stück, welches vom Herrscher von Sakaar selbst gespielt wird. Dieser Titel ist einfach herrlich abgedreht, ebenfalls mit verfremdetem Nonsense-Gesang – das muss man gehört haben, einfach klasse!

Und dann muss man noch auf die Tracks zu sprechen kommen, die sich speziell auf die Soundtracks von anderen MCU-Filmen beziehen. „Weird Things Happen“ (welcher meiner Meinung nach „Strange Things Happen“ heißen sollte) adaptiert beeindruckend akkurat den „Doctor Strange“-Sound von Michael Giacchino, ohne das Thema direkt zu verwenden, aber das Cembalo, die Streicher und andere exotische Klänge kommen genau auf diesselbe und leicht barrocke Weise zum Einsatz. Und „Where To?“ lässt ab 1:18 tatsächlich ein Statement von Patrick Doyles Thema aus dem ersten „Thor“ erklingen, zwar nur kurz, aber angemessen würdevoll. Im Film selbst, allerdings nicht auf dem Album, hört man außerdem in einer Schlüssel-Szene das Hulk/Black Widow-Romantik-Thema von Brian Tyler aus „Avengers: Age of Ultron“.

Fazit:

Thor: Ragnarok“ ist vielleicht nicht der Score, den viele erwarteten, aber derjenige, den wir brauchten: Mark Mothersbaugh hat sich redlich bemüht, nicht nur thematische und klangliche Kontinuität zum Rest des MCU herzustellen, sondern macht auch sein eigenes Ding und kreiert einen munteren, versponnenen und wahnsinnig kreativen Throwback-Score, welcher sowohl Orchester-Fans als auch Synthie-Liebhaber zufrieden stellen sollte. Es ist beeindruckend, wieviel Freiheit er und Regisseur Waititi mit diesem Film offensichtlich hatten – ihre Visionen sind unverfälscht auf der Leinwand und auf dem Album gelandet, was in diesen Zeiten von zuviel Studio-Einmischung überall wirklich bemerkenswert ist. 4/5 Punkte sind für diesen Soundtrack auf jeden Fall angemessen – ich bin gespannt, was die Zukunft an Marvel-Musik bringt.

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Ragnarok Suite – 8:53

  2. Running Short on Options – 2:46

  3. Thor: Ragnarok – 1:09

  4. Weird Things Happen – 1:46

  5. Twilight of the Gods – 6:14

  6. Hela vs. Asgard – 4:30

  7. Where am I? – 1:39

  8. Grandmaster’s Chambers – 1:18

  9. The Vault – 3:47

  10. No One Escapes – 3:01

  11. Arena Fight – 3:32

  12. Where’s the Sword? – 4:33

  13. Go – 1:43

  14. What Heroes Do – 1:37

  15. Flashback – 2:59

  16. Parade – 2:20

  17. The Revolution Has Begun – 1:47

  18. Sakaar Chase – 2:12

  19. Devil’s Anus – 4:52

  20. Asgard Is a People – 4:20

  21. Where To? – 2:22

  22. Planet Sakaar – 2:14

  23. Grandmaster Jam Session – 3:17

Advertisements

2 Gedanken zu “Thor: Ragnarok – Mark Mothersbaugh

  1. Ich bin ja mal gespannt, ob irgendwelche Marvel-Solothemen außer dem Cap-Thema in Alan Silvestris „Infinity War“ auftauchen – mit drei Thor-Themen, vier Iron Man Themen, den Giacchino-Melodien für Spider-Man und Doc Strange, Tyler Bates Guardians-Thema usw. gibt es ja wirklich viel Auswahl, und immerhin wird bei Marvel ja inzwischen mehr auf leitmotivische Kontinuität geachtet. Ich hätte auch absolut kein Problem damit, wenn Elfmans Hybrid-Thema noch mal auftauchen würde.
    Die Performance des Thor-Themas mit E-Gitarre im Track Thor: Ragnarok hat mir interessanterweise ziemlich gut gefallen, hat mich irgendwie an die Musik diverser DCAU-Serien wie „Batman Beyond“ und „Justice League Unlimited“ erinnert.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s