Avengers: Infinity War – Alan Silvestri

Avengers_ Infinity War (Original Motion Picture Soundtrack)Musik komponiert von
Alan Silvestri
Soundtrack produziert von
Alan Silvestri
& David Bifano
Orchestriert & dirigiert von
Mark Graham

Diese Review bezieht sich auf die nur als Download verfügbare Deluxe Edition. Eine kürzere Version des Soundtracks mit nur 23 Titeln ist als Download und CD im Handel erhältlich.

Avengers: Infinity War“ markiert einen der großen Höhepunkte der Marvel Cinematic Universe“-Filmreihe: Sämtliche in den bisherigen 18 Filmen etablierte Avengers und deren Verbündete müssen es mit dem Titanen Thanos aufnehmen, welcher nach den sechs Infinity-Steinen trachtet, um die ultimative Macht im Universum zu erlangen. Der Hype, welcher diesem 300-Millionen-Dollar-Monster von einem Blockbuster vorauseilte, war gigantisch, und hat sich letztendlich auch bezahlt gemacht: Joe und Anthony Russo jonglieren gekonnt mit dem zigköpfigen Star-Cast, verbinden rasante und abwechslungsreiche Action mit gut gesetzter Comedy und einem gewaltigen Maß an Düsternis, Dramatik und einigen gewagten Schritten, welche den Vorwurf, Marvel würde stets auf sicher und harmlos spielen, Lügen straft.

Auch die Rückkehr Alan Silvestris zum MCU wurde von vielen Fans voller Spannung erwartet: 2011 und 2012 komponierte er für „Captain America“ und „The Avengers“ die besten Scores der Phase 1, noch heute zwei der memorabelsten Soundtracks der gesamten Reihe. Bezeichnend war außerdem, dass sein Avengers-Thema 2015 von Danny Elfman für „Avengers: Age of Ultron“ adaptiert und erweitert wurde, was gerade im Fall des MCU, wo auf thematische Kontinuität normalerweise nicht viel Wert gelegt wird, eine Besonderheit darstellt. „Thor: The Dark World“, „Captain America: The Winter Soldier“, „Ant-Man“ und „Spider-Man: Homecoming“ waren die einzigen anderen Filme, welche entweder Silvestris Cap- oder Avengers-Material für bestimmte Schlüssel-Momente erklingen ließen. Bei so vielen Filmen und Figuren mit so vielen musikalischen Identitäten von verschiedenen Komponisten ist es schwer, in dem Bereich eine gewisse Kontinuität zu wahren.

Meine große Hoffnung war, dass Silvestri es seinen Kollegen gleichtun und thematisches Material aus einigen anderen MCU-Filmen in seinen Score einbauen würde. Dies ist allerdings nicht geschehen. In einem Interview mit Heat Vision kam er auf diesen Punkt zu sprechen:

Bei unserem ersten Treffen begannen wir mit der Frage: „Ist es überhaupt möglich, jedes Charakter-Thema irgendwie unterzubringen?“ Wir waren dieser Idee sehr aufgeschlossen, aber alle stimmten mehr oder weniger darin überein, dass das Ergebnis eher zu ablenkend gewesen wäre, um es überhaupt zu versuchen.“

– Alan Silvestri, zitiert im „Hollywood Reporter“, Byron Burton, 26. April 2018

In gewissem Sinne stimme ich Silvestri in diesem Punkt zu: Die Avengers setzen sich zwar aus all diesen Figuren zusammen, allerdings agieren sie als ein Team, arbeiten auf ein Ziel zu! In einem so großen Ensemble-Film bleibt nicht viel Platz für Individualität, stattdessen sollte die Musik natürlich auch eine gewisse Einheit repräsentieren. Dennoch ist es bedauerlich, dass die potenziell spaßige und das MCU verlinkende Idee, die entsprechenden Themen wenigstens kurz anzuspielen, nicht genutzt wurde. Die einzige Ausnahme bildet ein direkter Auszug aus Ludwig Göranssons „Black Panther“-Score, als man das erste Mal Wakanda im Film sieht. Zudem werden die charakteristischen Trommeln an einer Stelle in das Avengers-Ostinato verarbeitet, was allerdings beides nicht auf dem Album vorkommt.

Einen weiteren Wermutstropfen stellt die Tatsache dar, dass zum ersten Mal seit etlichen Jahren nicht Silvestri selbst als Dirigent fungiert. Garantiert war seine Arbeit an „Ready Player One“ ein Grund dafür, dass er nicht beiden Projekten das gleiche Maß an Aufmerksamkeit widmen konnte. Zwei Blockbuster von dieser Größe, die gerade mal einen Monat getrennt voneinander erscheinen – das ist ein gewaltiger Druck für einen Komponisten. Dabei muss aber erwähnt werden, dass die Musik selbst nicht darunter leidet: Mark Grahams Umgang mit dem Orchester ist exzellent und auf technischer Ebene gibt es absolut nichts auszusetzen. Allerdings ist spürbar, dass diesem Score ein wenig die Seele fehlt – im Prinzip fühlt es sich an wie Alan Silvestri auf Autopilot. Alle Merkmale, die man erwartet, sind da, aber man vermisst dennoch das gewisse Etwas.

Ein großes Problem ist, dass es dem Score an thematischem Material mangelt. Im Prinzip ist „Infinity War“ Thanos‘ Film, dementsprechend ist ein großer Teil der Musik entweder dem Titan selbst oder seinen Kindern gewidmet. Nur leider ist dieses Material nicht prägnant genug, um wirklich herauszustechen. „Travel Delays“ etabliert tiefe Streicher und Blechbläser in leicht aufsteigender Zwei-Ton-Form, was wirkungsvoll, aber nicht sonderlich interessant ist. Die Figur hat auch eine tragische Seite, repräsentiert beispielsweise durch hellere Streicher in „Hand Means Stop/You Go Right“ oder „Family Affairs“. Sein brutale Art kommt besonders gut in „Get That Arm/I Feel You“ mit einem kräftigen Percussion- und Blechbläser-Marsch zur Geltung und sein fehlgeleitetes Ideal wird in „Porch“ mit wundevoll traurigen und berührenden Celli zum Ausdruck gebracht.

Tatsächlich lebt der Score von Moment zu Moment, wobei sich Action, Dramatik und einige ruhigere Stellen stetig abwechseln, oftmals im selben Track. Die „End Credits“ bilden hier eine gute Übersicht, was den Gehalt des Scores angeht. Es gibt allerdings zahlreiche Momente, die herausstechen: Ab 3:20 beispielsweise ist die Action in „Travel Delays“ herrlich brachial, bevor es mit einem extrem kindischen „Bam-Bam-Baaaam“ schließt. Der Anfang von „No More Surprises“ ist mit sanften Holzbläsern, Glockenspiel und Gitarre wirklich schön, He Won‘t Come Out“ untermalt ab 0:35 den ersten Auftritt von Spider-Man mit einem heroischen kleinen Stück, welches leider kaum Ähnlichkeit mit demjenigen hat, welches von Michael Giacchino etabliert wurde. „What More Could I Lose“ lassen John Williams-artige, luftige Holzbläser erklingen, „A Small Price“ bietet mystischen Chor auf, „Even for You“ ist ausschweifend tragisch und theatralisch, mit vollem Orchester und Chor. Der Anfang von „Is He Alwasy Like This?“ ist leichte Holzbläser-Comedy, „More Power“ ist mit sphärischem Chor besonders toll, „What Did It Cost?“ lässt mit unheimlichem, langgezogenem Chor sogar ein bisschen Grusel aufkommen. Die Stelle bei 2:15 in „The End Game“ ist hier mit seiner wundervollen Helden-Anspielung besonders hervorzuheben.

Woran es dem Soundtrack nicht mangelt, ist Action: Titel wie „Field Trip“, „Morning After“, „Charge“, „Catch“ und „Haircut and Beard“ fordern das Orchester in altbekannter Silvestri-Manier heraus, lassen die Blechbläser schmettern, die Pauken knallen und die Streicher sausen. Obgleich es hier oftmals deftig und wild zugeht, verliert die Musik doch nie gänzlich an Fokus, wendet sich immer wieder der richtigen Richtung zu und steuert den Score auf das unabwendbare Finale zu.

Am stärksten ist die Musik immer dann, wenn sie sich auf die etablierten Stilistiken oder Themen zurückbesinnt, welche das MCU ausmachen. Dabei nickt Silvestri sogar Michael Giacchinos „Doctor Strange“ zu, wenn er in „No More Surprises“ bei 1:39 mit Cembalo und mystischem Chor die Orchestrierung bereichert, was auch am Ende von „A Lot to Figure Out“ geschieht.

Die Statements des bekannten Avengers-Themas selbst habe ich mir für den Schluss aufgespart, denn hier sind zahlreiche Highlights zu finden: Es eröffnet direkt kraftvoll und pompös das Album in „The Avengers“, danach verfährt Silvestri damit wie schon im ersten Film: In der vollständigen Form verschwindet es für lange Zeit aus dem Album und wird nur hin und wieder angespielt, um das allmähliche Zusammenfinden des Teams zu symbolisieren. Interessanterweise hört man ganz am Schluss von „Undying Fidelity“, bei 4:53, ein definitives Fragment des aus „Age of Ultron“ bekannten Danny Elfman-Hybrid-Themas. „No More Surprises“ lässt eine Anspielung bei 0:29 auf Klarinette erklingen, „He Won‘t Come Out“ bietet ab 1:44 den Anfang des Themas mehrfach auf, bei 2:10 kommt es zu der aus Teil 1 bekannten flotten Aufbau-Verarbeitung (verlinkt durch die Tatsache, dass Iron Man auf spektakuläre Weise seinen Anzug überstreift). „Field Trip“ funktioniert auf ähnliche Weise (inklusive kurzem „Captain America“-Versatz), „We Both Made Promises“ lässt die gefühlvolle Seite der Avengers mit Klavier und Streichern zum Vorschein kommen. „Help Arrives“ startet mit dem kraftvollen Streicher-Ostinato des Themas für einen besonderen Fan-Pleaser-Moment, wobei sich die Blechbläser bei 0:37 sogar mit einem Teil der Hauptmelodie dazumischen. „One Way Ticket“ lässt bei 1:43 eine besonders schöne Anspielung erklingen und nach drei Minuten schließlich eine laute und pompöse Variation: Die Avengers haben ein neues offizielles Mitglied!

Is He Always Like This?“ enthält ebenfalls Anspielungen, „Forge“ präsentiert das Thema bei 3:35 schließlich endlich wieder in seiner ganzen Pracht für eine wahrhaftige Jubel-Szene! Eine weitere Anspielung erfolgt in „Catch“ bei 4:21 sowie in „Haircut and Beard“ bei 2:30. „Infinity War“ schließlich gleicht einem Requiem, mächtig und dennoch gefühlvoll, mit ordentlich Blechbläsern und sehr emotionalen Streichern, was mit einer kurzen, herzzereißenden Klavier-Version des Avengers-Themas abgeschlossen wird. Dies trifft auch ganz gut den Punkt des Films: Es geht um düstere, nahezu nihilistische Konzepte, und genau das soll bei all dem Pathos und Helden-Brimborium natürlich auch in der Musik wiedergespiegelt werden.

Fazit:

Avengers: Infinity War“ ist beiweitem kein schlechter Score. Die Orchestrierung ist über jeden Zweifel erhaben, es gibt zahlreiche temporeiche, deftige und auch emotionale Momente und an Abwechslung mangelt es ebenfalls nicht. Das Fehlen eines gut erkennbaren roten Fadens und die verpasste Chance, durch mehr Themen-Variation die Hörer etwas mehr an die Hand zu nehmen, machen aus dem Album jedoch ein sehr herausforderndes, komplexes Hörerlebnis. Wahrscheinlich sind Gelegenheits-Konsumenten mit der regulären, weitaus kürzeren Soundtrack-Version besser beraten, die Deluxe Edition ist definitiv nur etwas für Komplettisten und Experten. In dieser schieren Masse an Musik sind wirklich viele tolle Momente zu finden, allerdings braucht man etwas Geduld, um zu diesen zu gelangen. Für 3,5/5 Punkte reicht es allemal, aber ein Meisterwerk ist Alan Silvestri mit diesem Score auch nicht gelungen. Wer weiß, vielleicht braucht es den Nachfolger im nächsten Jahr, um diesen Soundtrack in einer runden, befriedigenden Weise abzuschließen – bis dahin vermag es dieses Album auf jeden Fall, die geneigten Hörer und Fans zu vertrösten.

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. The Avengers – 0:25

  2. Travel Delays (Extended) – 4:44

  3. Undying Fidelity – 5:06

  4. No More Surprises – 4:04

  5. He Won‘t Come Out (Extended) – 3:39

  6. Field Trip – 3:36

  7. Wake Him Up – 4:05

  8. We Both Made Promises (Extended) – 4:28

  9. Help Arrives (Extended) – 5:39

  10. Hand Means Stop/You Go Right (Extended) – 7:19

  11. One Way Ticket – 3:27

  12. Family Affairs (Extended) – 5:38

  13. What More Could I Lose? (Extended) – 5:07

  14. A Small Price – 3:18

  15. Even for You – 2:16

  16. Morning After – 2:08

  17. Is He Always Like This? – 3:23

  18. More Power – 4:08

  19. Charge! – 3:29

  20. Forge – 4:22

  21. Catch – 6:04

  22. Haircut and Beard (Extended) – 3:51

  23. A Lot to Figure Out (Extended) – 3:09

  24. The End Game (Extended) – 2:35

  25. Get That Arm/I Feel You (Extended) – 4:45

  26. What Did It Cost? (Extended) – 3:35

  27. Porch – 0:59

  28. Infinity War – 2:35

  29. Old Tech – 1:06

  30. End Credits – 7:32


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