Konzert-Review: Hollywood in Hamburg – John Powell

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Von all den Filmmusik-Konzerten, welche ich in der Elbphilharmonie besuchte, hatte ich mich im Vorfeld wahrscheinlich am meisten auf dasjenige am 24. Juni 2018 gefreut – denn John Powells Arbeit an „Chicken Run“ (zusammen mit Harry Gregson-Williams) machte mich als Kind überhaupt erst zum Soundtrack-Fan! Dementsprechend war ich sehr aufgeregt, die Musik des Briten live zu erleben. Bereits im Vorjahr hatte ich zwei Karten ergattert und auf die Schnelle noch einen ebenfalls Filmmusik-begeisterten Freund mitgenommen. John Powell selbst war anwesend und moderierte zusammen mit Gavin Greenaway, seinem langjährigen Begleiter und Dirigenten (welchen ich schon ein paar Wochen zuvor auf dem Hans Zimmer-Tribute-Konzert in Hamburg bewundern durfte), die ganze Veranstaltung. Als Musiker fungierten diesmal Orchester und Chor der Bolschoi Oper Minsk, welche ebenfalls Hans Zimmer mehrmals begleitet hatten.

Das Konzert eröffnete mit der letzten Szene und den End Credits von „X-Men 3“ und legte somit sofort einen kraftvollen Start hin. Danach folgte die erste Moderation von Greenaway und Powell, letzterer kam mit einem Akkordeon auf die Bühne. Allerdings zog er enttäuscht wieder von dannen, als Greenaway ihm erklärte, dass es keinen Akkordeon-Part in „Chicken Run“ gäbe. Dafür stellte Powell kurz die Kazoo vor, welche im folgenden Titel „Building the Crate“ tatsächlich von mehreren Chor-Mitgliedern gespielt wurde – absolut wundervoll! Mit Sicherheit hatten die meisten Zuschauer bisher noch nicht diese Instrumente in einem Konzertsaal gehört. Danach kam überraschenderweise ein Stück aus „Solo: A Star Wars Story“, und zwar das romantische „Lando’s Closet“, wobei Powell erwähnte, dass er bei dem Dreh der besagten Szene tatsächlich anwesend war und entsprechend inspiriert wurde. Es folgte, ebenso überraschend für mich, eine Suite aus „Pan“, bestehend aus den Titeln „A Boy Who Could Fly“ und „Mine Escape“. Die Musik klang so lebendig wie eh und je und ich war ziemlich geschockt, als Powell erklärte, dass er für Pan nur fünf Wochen Zeit hatte, das Klavier-Hauptthema entwickelte er tatsächlich innerhalb von etwa fünf Minuten!

Dann wurde es ernster, und zwar mit einem Auszug aus Powells neuem, klassischen Werk „A Prussian Requiem“ (The Gift), welches gerade erst als „Hubris“ veröffentlicht wurde. Das Stück wurde in Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkrieges komponiert (welcher am 11. November seinen 100. Jahrestag hat), und überzeugte auf ganzer Linie. Powells Stil war unverkennbar in diese dennoch unmissverständlich klassische Arbeit eingeflossen und die Solisten Dzianis Bakhreuski (Tenor) und Raman Lopes (Bass) trugen ihre Parts mit viel Inbrunst vor. Nach diesem düstereren Zwischenspiel kam die „Ferdinand“-Suite gerade recht und hätte flotter und fröhlicher nicht sein können. Hier trat auch erstmals Gitarrist Rafael Aguirre auf, welche großartige Arbeit leistete.

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Nach der Pause ging es mit „The Bourne Identity“ weiter, wobei Powell selbst bei den Violinen mitspielte. Dann, endlich, durfte er sein Akkordeon verwenden, und zwar während des „Tango De Los Asesinos“ aus „Mr. & Mrs. Smith“, welcher laut Powell vor allem elegant und sexy klingen sollte, was ohne Abstriche erfüllt wurde. Dann wurde es mit „Two Weeks Notice“ romantisch und das Publikum konnte wieder etwas zur Ruhe kommen, was auch absolut nötig war, denn was folgte, war das Powerhouse „How To Train Your Dragon“, eine Konzertsuite bestehend aus „This Is Berk“, „See You Tomorrow“, „Dragon Battle“ und natürlich „Dragon Training“ – laut, furios und gewaltig tönend. Natürlich fehlten die Finessen der Original-Instrumentierung, aber das fiel nicht im Geringsten ins Gewicht, Powell spielte dabei eine Heavy Metal-Gitarre. Danach marschierte er zum Xylophon und begleitete „Forbidden Friendship“, welches nicht berührender hätte klingen können und mir tatsächlich die Tränen in die Augen trieb. Darauf folgte eine Suite aus dem zweiten „Drachenzähmen leicht gemacht“, wie es Powell tatsächlich tapfer auf Deutsch vorlas, und hier fiel mir zum ersten Mal wirklich auf, wie viel düsterer der Soundtrack des zweiten Teils eigentlich klingt! Es kamen die Titel „Together We Map The World“, „Hiccup The Chief“, „Toothless Lost“, „Losing Mom“, „Meet Drago“ und „Two New Alphas“ vor, clever und nahtlos zusammengefügt, höchstwahrscheinlich von Powells talentiertem Assistenten Batu Sener, welcher ebenfalls anwesend war.

Den Abschluss des Konzerts bildete „Ice Age 2: The Meltdown“, und zwar der letzte Track „The Meltdown“, wobei Powell auf einem Cajon (Kastentrommel) Platz nahm und das Orchester begleitete, wieder mit Aguirre an der Gitarre, welcher auch vorher bei „Mr. & Mrs. Smith“ abermals aufgetreten war. Hier erwachten alle noch einmal vollends zum Leben und wurden sehr mitgerissen und wiederum gerührt von dem „Mammoths“-Anteil des Titels. Es folgten stehende Ovationen, Jubelrufe und rundum glückliche Gesichter.

Zwei kleine Wermutstropfen sind anzumerken: Kurz vor Schluss der „How To Train Your Dragon 2“-Suite verhaspelte sich Greenaway und brach ab mit der Entschuldigung „I got so excited, I missed the beat for the last part“, woraufhin noch einmal ein paar Takte vorher eingestiegen wurde. Und leider gab es auch diesmal keine Gelegenheit für eine schnelle Autogramm-Sitzung. Aber das ist im Rückblick nicht wichtig: Das Orchester, Gavin Greenaway, die Solisten und natürlich Powell selbst leisteten absolut phantastisches und transportierten den Konzertsaal in all die Welten, welche ich selbst immer so gerne aufsuche: Wir bangten zusammen mit Hühnern vor der Pasteten-Maschine, flogen gemeinsam mit Pan durch die Luft, begleiteten Hicks und Ohnezahn auf ihren Abenteuern und fühlten uns so mächtig und kraftvoll wie die X-Men. John Powell hat nur ein weiteres Mal untermauert, warum er neben Danny Elfman mein Lieblingskomponist ist: Er erweckt wieder das Kind in uns und nimmt uns ohne jeden Zynismus oder Ironie mit auf eine unvergessliche musikalische Reise, welche ohne jede Scham ihr Herz auf Händen trägt und jeden einlädt, sich darauf einzulassen. Ich verließ den Saal und Hamburg mit einem breiten Lächeln und kann es nicht erwarten, meine CD-Sammlung ein weiteres Mal durchzuhören. Der Erfolg der Filmmusik in Konzertform reißt nicht ab, und ich bin schon sehr gespannt, welche Vorstellung ich als nächstes aufsuchen werde – genug Auswahl gibt es jedenfalls…

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2 Gedanken zu “Konzert-Review: Hollywood in Hamburg – John Powell

  1. Klingt toll – natürlich besonders schön, dass es auch schon etwas aus „Solo“ gab. Wird Zeit, dass mal Live-to-Projection-Aufführungen von Powell-Filmen in meine Nähe kommen. „The Last Stand“ ist eher unwahrscheinlich, aber ich denke die Dragon-Filme haben vielleicht ganz gute Chancen. „Hubris“ steht natürlich auch noch auf meiner Liste.

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