Maleficent: Mistress of Evil – Geoff Zanelli

Maleficent_ Mistress of Evil (Original Motion Picture Sound

Musik komponiert & Produziert von
Geoff Zanelli
Original „Maleficent“-Themen
komponiert von
James Newton Howard
Dirigiert von
Nick Glennie-Smith
Orchestriert von
Mark Graham, Kevin Kaska,
Jeremy Levy, Jason Livesay,
Nolan Livesay, Jon Kull
& John Ashton Thomas
Ergänzende Arrangements von
Zak McNeil & Phill Boucher

Ich verstehe nicht ganz den Sinn hinter dem Vorgehen, einen Film zu machen, der erfolgreich ist, und dann aus irgendeinem Grund fünf Jahre mit dem Sequel zu warten. Was auch immer der Grund für diese lange Verzögerung gewesen sein mag, ein fein ausgeklügeltes und bedeutungsvolles Skript war es sicher nicht: „Maleficent: Mistress of Evil“ ist die Fortsetzung des Disney-Remake-Reboot-Sidequels von Dornröschen aus dem Jahr 2014. „Maleficent“ mochte ich bei Erstsichtung tatsächlich sehr, seitdem finde ich ihn zwar nicht mehr ganz so großartig, aber es ist dennoch ein solider Familien-Fantasy-Film mit guten Performances und einigen coolen Kreaturen und Setpieces. „Mistress of Evil“, nun vollkommen losgelöst von der Struktur des ursprünglichen Märchens, ist jedoch ein konfuses Chaos, in welchem die talentierten und durchaus enthusiastischen Darsteller nichts gegen die krude Struktur und abscheulich inkohärente Stimmung ausrichten können. Der dritte Akt knallt dann jedoch vollkommen durch, mit schockierend geschmacklosen Holocaust-Parallelen und einer viel zu überhasteten und unlogischen Auflösung dieses extrem heftigen Konflikts.

Wer aus dieser Katastrophe relativ unbefleckt herauskommt, ist Komponist Geoff Zanelli, und das ist bemerkenswert, betrachtet man die enormen Fußstapfen, welche er auszufüllen hatte: 2014 war James Newton Howards „Maleficent“ einer der besten Scores des Jahres und zählt für nicht wenige zu den großartigsten Arbeiten seiner Karriere. Ich bin mir nicht sicher, ob er für das Sequel schlicht keine Zeit hatte oder ob Regisseur Joachim Rønning einfach weiterhin mit Zanelli arbeiten wollte. In den letzten Jahren hat Zanelli sein Können mehr als einmal unter Beweis gestellt, mit dem fünften „Pirates of the Caribbean“-Soundtrack und seinem Last-Minute-Auftrag für „Christopher Robin“. Wohingegen er im Fall von Pirates bereits von Anfang an als Ergänzender Komponist in das Franchise involviert war und deshalb bereits viel Erfahrung mitbrachte, so galt es im Fall von „Mistress of Evil“, einen Score zu komponieren, welcher immerhin das von Howard mit dem Original gesetzte Niveau halten würde. Natürlich kann niemand James Newton Howard ersetzen – aber was Zanelli hier abgeliefert hat, ist dennoch eine beeindruckende Leistung.

An einigen Stellen zitiert Zanelli die Original-Themen von Howard, im Film selbst noch viel öfter und deutlicher als auf dem Album: Eines der schönen Hauptmotive hört man zweimal in „What Is Going on Here?“ bei 1:50 und am Schluss, „Etiquette Lessons“ wird mit dem hübschen Klavier-Flöten-Statement aus „Aurora in Faerieland“ beendet. Auch in „You Don’t Have to Change“ taucht kurz etwas aus Teil 1 auf und in „Maleficent Returns“ kommt es bei 1:56 zu einem entsprechenden Zitat des Maleficent-Action-Themas. Der Rest gehört jedoch größtenteils ganz Zanelli, welcher hier sehr klug vorgeht: Er belässt es nicht allein bei bloßen Zitaten, sondern hat neue Melodien komponiert, die den Original-Themen in Stilistik und Stimmung sehr ähnlich, aber dennoch anders genug sind, um für sich allein stehen zu können. Wie er es schafft, die Musik durchgehend wirklich wie einen bewussten James Newton Howard-Klon klingen zu lassen, ohne ein totaler Abklatsch zu sein, ist wirklich respektabel! Einen großen Beitrag haben hierbei auch sicher die Orchestratoren John Ashton Thomas und Jon Kull geleistet, welche seit vielen Jahren schon Howard-Regulars sind.

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Vieles am Film wirkt wie schlechte Fan-Fiction…

Zanelli bietet mehrere neue Themen auf und das erste, was wir auf dem Album hören, ist der Liebe zwischen Aurora und Prinz Philip gewidmet: Es eröffnet „Mistress of Evil“ ausschweifend und kehrt mit Elfman-artigem Chor, Streichern und Holzbläsern in „What Is Going on Here?“ zurück, die spielerisch-freundlichen Elemente des Titels erinnern dabei sehr an „Peter Pan“. „It Is Love That Will Heal You“ und „You Don’t Have to Change“ arrangieren das Thema sanft und märchenhaft, letzterer auch mit Harfe.

Das zweite neue Hauptthema ist für Maleficent und etwas mysteriöser, aber auch emotional angelegt. Seinen Einstand feiert es ab 0:47 in „Mistress of Evil“, mit wunderschönem Chor und eng verwandt mit dem Original-Howard-Material. Sehr melancholisch hören wir es außerdem in der zweiten Hälfte von „Etiquette Lessons“. Maleficent ist außerdem ein viel düstereres Thema gewidmet, welches ebenfalls in „Mistress of Evil“ zum ersten Mal auftaucht (0:28) und dann in „All He Wanted Was Peace“ nach einer Weile übernimmt.

Bei der Vertonung des vertriebenen Volkes der dunklen Feen einerseits und der Armee von Königin Ingrith andererseits ist Zanelli besonders clever vorgegangen: Bei den magischen geflügelten Wesen verzichtet er auf jedwede Art von metallenen Elementen in der Percussion-Instrumentierung, da Metall gefährlich für sie ist. Das Thema der dunklen Feen, vorgestellt in „We’re Dark Fey“, ist ausschweifend, nobel und tragisch, aber auch große Stärke und Stolz liegen in der Melodie, welche mit vollem Orchester und Chor vorgetragen wird und ganz besonders bei 1:52 deutlich zum Tragen kommt, wobei ein ganz besonderes Element die klackernden, hölzernen „Stammes-Trommeln“ sind, aber auch die Hörner nehmen einen sehr schönen Platz in der Melodie ein, welche später noch auf tiefen Holzbläsern variiert wird. Seltsamerweise erinnert mich das Thema an eines der Hauptthemen aus Joe Hisaishis „Mein Nachbar Totoro“, aber das ist wahrscheinlich bloßer Zufall. Auch in „It Is Love That Will Heal You“ und „Origin Story“ kommt das Thema vor. Der finstere Marsch für Ingriths Armee, zu hören ab 1:14 in „Ulstead“, wird getragen von stampfenden Metall-Percussion, Blechbläsern und lautem Chant-Chor. Diese beiden Themen werden in „The Dance of the Fey“ auf beeindruckende Weise vermischt, mit den klackernden Trommeln, Duduks, einem Didgeridoo und Pan-Flöten für die Feen und den düsteren Marsch-Klängen und Chor für die Armee, wunderbar tönend und dieses Beispiel zeigt, wie durchdacht die Musik ist und wie klug auf Detail geachtet wurde. Es gibt außerdem ein listiges Unterthema für Lickspittle, den Kobold-Untergebenen der Königin, in „Ulstead“ und „Pinto’s Recon Mission“ auf Cembalo gespielt.

Andere Stellen stechen hervor: In „Poachers on the Moors“ channelt Zanelli in der zweiten Hälfte Howards Action-Stilistiken, „Etiquette Lessons“ ist auf leise Comedy ausgelegt und „Pinto’s Recon Mission“ ähnelt in den flotten Streichern und Holzbläsern seltsamerweise John Williams‘ „Prisoner of Azkaban“. „Back to the Moors“ leitet schließlich das Action-Finale ein: „Our Fight Begins Now“ vermischt die Feen- und Ulstead-Klänge abermals, welche auch in „You Majesty, They’re Coming from the Sea“ miteinander ringen, gewaltig tönend mit Chor, Blechbläsern und Trommeln. Genauso deftig und teilweise rasant geht es in „I’ve Made My Choice, You’ll Have to Make Yours“ und „Protecting Our Kind“ weiter und „Maleficent Returns“ bietet einige richtig tolle Höhepunkte auf, unter anderem mit dem düstereren Maleficent-Thema, auch das Original-Motiv aus dem ersten Film erklingt in „The Phoenix“, baut sich immer weiter auf und mündet in eine rasante Version des Ulstead-Themas.

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Einige Szenen, Kostüme und Designs können durchaus überzeugen…

Hello, Beastie!“ bringt schließlich die Erlösung: Eine neue, friedliche Version des dunkle Feen-Themas leitet in liebevolle Statements des Liebes-, der Original-Haupt- und neuen Hauptthemen über mit Streichern, Glockenspiel, Holzbläsern und Chor, gegen Ende auch kraftvoller und triumphal. „Time to Come Home“ eröffnet ebenfalls mit dem dunkle Feen-Thema, diesmal mit Harfe, Hörnern und Holzbläsern (wieder ist die Howard-Ähnlichkeit nahezu verstörend), nach der ersten Minute übernimmt kurz eines der schönen Original-Themen und dann wieder das neue Hauptthema sowie das listig-düstere Thema für Maleficent. Dann jedoch tritt wieder der sanfte gemischte Chor in den Vordergrund und trägt uns durch ein weiteres Statement eines der Original-Howard-Themen, schöner und schwelgerischer denn je. Und in dieser Art geht es weiter, bis der Score sanft ausklingt. „You Can’t Stop the Girl (Film Mix)“ ist schließlich ein ganz netter Empowerment-Song mit hübschen Klavier-, Chor- und Streicher-Arrangements, gesungen von der Anglo-Albanischen Sängerin Bebe Rexha, reicht aber nicht im Mindesten an die „Once Upon A Dream“-Neuinterpretation von Lana Del Rey aus dem ersten Film heran.

Fazit:

Der Aufschrei der Fans war groß, als bekannt wurde, dass James Newton Howard für dieses Sequel nicht zurückkehren würde, und ein Teil von mir ist nach wie vor traurig darüber, denn ich bin mir sicher, dass er auf dem etablierten Material grandios hätte weiterbauen können. Dennoch muss ich wirklich anerkennen, was Geoff Zanelli hier geschafft hat: Ja, im Prinzip ist es eine Impression von Howards Style, aber das sollte man ihm nicht zum Vorwurf machen, denn eine Abweichung von der im Vorgänger so grandios etablierten musikalischen Stimme hätte nur noch negativere Reaktionen nach sich gezogen. Zanelli zollt nicht nur dem Original-Material Respekt, sondern komponierte mehrere neue Themen, welche über genügend Alleinstellungsmerkmale verfügen und sich perfekt zwischen den bereits etablierten Melodien einreihen. Seine Ideen für die dunklen Feen und Ingriths Armee sind schon vom reinen Konzept her wunderbar durchdacht und großartig in der Ausführung, die Orchestrierung ist sehr gelungen und die Action hat nicht ganz die Kontrolle oder Wucht von Howard, aber kommt dieser nahe genug. Der Punkt ist: Das Endprodukt überzeugt und dürfte die meisten Score-Liebhaber gnädig stimmen, und dafür gibt es von mir 3,5/5 Punkte. Und für diejenigen, die ihre jährliche Dosis James Newton Howard brauchen: „A Hidden Life“ ist nicht mehr fern…

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Mistress of Evil – 1:33
  2. Poachers on the Moors – 4:24
  3. What Is Going On Here? – 4:31
  4. Ulstead – 2:39
  5. Etiquette Lessons – 2:05
  6. All He Wanted Was Peace – 4:50
  7. We Have Her – 3:49
  8. We’re Dark Fey – 3:53
  9. Pinto’s Recon Mission – 1:52
  10. It Is Love That Will Heal You – 2:07
  11. Origin Story – 2:30
  12. You Don’t Have to Change – 2:01
  13. The Dance of the Fey – 2:11
  14. Back to the Moors – 1:14
  15. Our Fight Begins Now! – 1:45
  16. Your Majesty, They’re Coming from the Sea – 2:16
  17. I’ve Made My Choice, You’ll Have to Make Yours – 3:33
  18. Protecting Our Kind – 2:42
  19. Maleficent Returns – 5:09
  20. The Phoenix – 4:41
  21. Hello, Beastie! – 3:42
  22. Time to Come Home – 5:49
  23. You Can’t Stop the Girl (Film Mix) (Bebe Rexha) – 2:39

2 Gedanken zu “Maleficent: Mistress of Evil – Geoff Zanelli

  1. Ich habe sowas von keine Lust, mir diesen Film anzusehen, aber vom Score war ich dann doch positiv überrascht. Als Geoff Zanelli als Komponist angekündigt wurde, war ich erstmal ziemlich verärgert, da der Score des Erstlings einer meiner Howard-Favoriten ist. Natürlich ist es ein wenig dämlich, erst Zanelli zu nehmen und ihn dann Howard imitieren zu lassen, anstatt einfach Howard selbst zu beauftragen (keine Lust? Preferenz des Regisseurs?), aber das Ergebnis kann sich definitiv sehen bzw. hören lassen und bildet eine schöne Ergänzung zum Vorgänger-Score. Konnte mich leider noch nicht wirklich tiefgehender damit beschäftigen, aber die ersten Durchgänge wussten auf jeden Fall zu Gefallen, also definitiv Zustimmung.

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