Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings – Joel P West

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (Original Score)Musik komponiert & Produziert von
Joel P West
Dirigiert von
Gavin Greenaway
Orchestriert von
Mark Graham

„Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings” ist nach längerer Zeit der erste große Blockbuster seit Beginn der Pandemie, welcher es wagt, nur im Kino zu laufen, statt gleichzeitig auch auf einem Streaming-Service zu erscheinen. Man könnte es fast als eine Art Experiment von Disney ansehen. Das Startwochenende lief jedenfalls ausgesprochen gut für den Film und ich hoffe, dass ihn noch viel mehr Leute sehen, denn ich würde gerne mehr Filme dieser Art im Blockbuster-Bereich und gerade als Teil des MCU bekommen: „Shang-Chi“ erzählt die Heldenreise von Simu Lius Titelcharakter, welcher aus dem Schatten seines mächtigen und gefährlichen Vaters entkommen will, durch unglückliche Umstände jedoch zu ihm zurückgezogen wird. Gemeinsam mit seiner Schwester Xialing und seiner guten Freundin Katy gerät er von einer Action-Szene in die nächste, was in diesem Fall positiv gemeint ist, denn die Kampfszenen sind das große Highlight des auch ansonsten unterhaltsamen und trotz der etwas zu langen Laufzeit kurzweiligen Films. Tony Leung, Awkwafina, Meng’er Chen, Fala Chen und Michelle Yeoh leisten sehr guten Support und es gibt auch die ein oder andere Überraschung, was Charaktere und Handlung betrifft.

Große Blockbuster dieser Art können zuweilen sehr interessant sein, wenn ein Neuling in diesem Feld auf dem Regiestuhl sitzt. Dieses Mal ist es Indie-Darling Destin Daniel Cretton, geboren auf Maui, Hawaii, und er inszeniert mit viel Leidenschaft und Kontrolle, obwohl der Film ein klein wenig überladen wirkt. Er lässt den Charakteren Zeit, zwischen den Actionszenen zu Wort zu kommen und auf sehr natürliche Weise miteinander zu interagieren. Außerdem durfte er auch seinen Stammkomponisten mitbringen: Joel P West hat nahezu alle Filme Crettons vertont („Short Term 12“, „Just Mercy“, „The Glass Castle“), ist jedoch wie Cretton selbst im Blockbusterbereich vollkommen neu. Es scheint fast so, als hätten sich die beiden während dieses Projekts gegenseitig befeuert, denn der Score von „Shang-Chi“ ist eine wirklich beeindruckende Leistung, ein ausschweifender, tönender Big-Budget-Soundtrack mit einem gewaltigen Anteil ostasiatischer Einflüsse in der Instrumentierung.

Shang-Chi

Der Score wurde in den Abbey Road Studios aufgenommen, in mehreren Sessions. Aufgrund der derzeitigen Umstände konnte West selbst bei den Aufnahmen nicht persönlich vor Ort sein und alles wurde über Videochat koordiniert. Außerdem sind mehrere chinesische Instrumente beteiligt, wie Erhu, Guzheng, Pipa, Yangqin, Tao und Dizi. Den größten Anteil nehmen jedoch die Tanggu-Trommeln ein, welche ganz ähnlich wie Taikos klingen. Was die Themen-Arbeit selbst angeht, haben sich West und Cretton etwas Besonderes ausgedacht: innerhalb des Films dauert es tatsächlich sehr lange, bis wir das vollständig heldenhafte Thema für Shang-Chi hören, denn es ist eine positivere Version des vorher bedrohlichen Materials für seinen Vater. Überhaupt setzt sich seine Musik aus den anderen Hauptthemen des Films zusammen, wie man direkt im ersten Alben-Titel, „Xu Shang-Chi“, hören kann: es ist eine 6-Noten-Melodie, eingebettet in ausschweifend-kraftvollen Orchester-Sound, eingeleitet vom Talo-Material (dazu später mehr) und bei 0:57 gefolgt vom Familien-Thema, voller Sehnsucht und Wärme. All diese Bestandteile formen die Musik für Shang-Chi selbst und machen ihn zu dem, was er ist – er muss dies nur erst einmal akzeptieren. Unter allem liegt zudem das klackernde Tanggu-Getrommel.

„Your Father“ ist der erste Titel, der im Film erklingt, und stellt Shang-Chis Vater Wenwu sowie dessen Musik vor. Wie schon gesagt, ist es eine bedrohliche Version der Melodie, welche später zum Thema von Shang-Chi wird, erstmals zu hören bei 0:39 auf Cello. Das Thema in dieser Form, 6 düstere Noten, charakterisieren Wenwu als einsame und stoische Figur, seine Melodie steckt sozusagen fest, hat kein erfüllendes Ziel. Auch ein Sub-Thema für die 10 Ringe selbst gibt es, ebenfalls gefahrvoll und lauernd. Im weiteren Verlauf des Tracks wird die Musik militaristischer und baut sich immer drohender mit Streichern und Blechbläsern auf.  „The Bamboo Spring“ untermalt die erste Begegnung zwischen Shang-Chis Eltern. Visuell zelebriert sie viele Bestandteile des Wuxia-Kinos und die Musik klingt hier auch entsprechend: es dominiert das Material für Shang-Chis Mutter, welches auch zugleich ihre Heimat Talo repräsentiert. Die Musik ist sehr traditionell, freundlich, angenehm und leicht spielerisch fließend auf- und absteigend, mit chinesischen Holzbläsern, Zithern und Tanggu-Trommeln. In „Your Mother“ setzt sich dies sanft und schön fort, mit Celli, Zithern, Piano, Holzbläsern und Harfen, wobei ebenfalls ein verspielter Anteil nicht zu kurz kommt.

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All diese Themen formen die Grundpfeiler des Scores und werden entsprechend variiert. Tatsächlich ist die Musik immer dann am stärksten, wenn sie diese traditionellen Folk-Elemente in den Vordergrund treten lässt. Cretton und West waren von Anfang an darum bemüht, einen möglichst authentischen Sound zu erschaffen, welcher der Kultur angemessen und nicht klischeehaft-stereotyp klingen würde. Dies funktioniert ganz besonders in den sanfteren Titeln am besten: „Three Days“, „Zhe Zhi“, „Together Soon“, „Who You Are“ und „Grief“ sind mit Streichern, Erhu, Holzbläser, Harfe und Percussion sehr schön und mal traurig, mal etwas verspielter oder gar neugierig. In „The Waterfall“ wird das Familien-Thema mit dieser Orchestrierung mit dem Talo-Material vermischt, vollständig und prächtig. „Ancestors“ schwelgt geradezu in traditionellen asiatischen Arrangements, mit gemischten Percussion, Zithern, Holzbläsern, Piano, Streichern und einer sehr gefühlvollen Verspieltheit, definitiv ein Highlight. „A Blood Debt“ untermalt einen der dramatischen Höhepunkte des Films, einen ausgedehnten Flashback. Hier eröffnet das Talo/Mutter-Material sanft und traurig und wird im weiteren Verlauf des Tracks von der Musik der 10 Ringe verdrängt. Ganz ähnlich hören wir dies auch in „Is This What You Wanted?“.

Überraschenderweise gibt es auf dem Album nicht so viele „typische“ Action-Tracks, wie man vielleicht vermuten würde. Vom Sound her erinnern diese Momente am ehesten an vergleichbare Scores von Brian Tyler, und hier und dort wurden diese Titel bereits als generisch und anonym abgestempelt, aber ich habe keineswegs so empfunden! Snare Drums, Streicher und bedrohliche Blechbläser dominieren gemeinsam mit dem Wenwu-Thema „Training“, „Brother and Sister“ wird nahezu vollständig von Tanggu-Trommeln und anderen asiatischen Percussion vorgetragen, simpel, kräftig, rhythmisch und wirkungsvoll. „Don’t Look Down“ untermalt meine wahrscheinlich liebste Actionsequenz im Film, welche in luftiger Höhe auf einem Baugerüst stattfindet. Nach längerem Orchester- und Trommel-Aufbau entlädt sich die Musik bei 1:33 mit furiosen Streichern, kraftvollen Blechbläsern und Tanggu-Schlägen. „Revenge“ kommt mit deftiger Rasanz gleich hinterhergestürmt, wobei Streicher und Percussion besonders rastlos klingen. Lebendig und spannend geht es mit vollem Orchester und Trommeln in „Stay in the Pocket“ weiter.

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Das Finale beginnt erst so richtig mit „The Deep“ wo wir in die Talo-Klänge geradezu eintauchen, welche sich immer mächtiger mit vollem Orchester aufbauen. Hier finden alle musikalischen Bestandteile von Shang-Chi endlich zueinander und die Musik wird heroisch und kraftvoll, jedoch noch ohne sein eigentliches Thema zu spielen. „Inheritance“ vermischt die traditionellen Töne von Talo, die militaristischen Trommeln unter Wenwu und das Tanggu-Getrommel mit Action, welche erst so richtig in „I Won’t Leave You Again“ im Zentrum steht, mit Orchester, sausenden Streichern, dröhnenden Blechbläsern und kräftigen Percussion. Und „The Light and the Dark“ präsentiert nach einem kraftvollen Familien-Statement endlich das Shang-Chi-Helden-Thema in ganzer Pracht, unterstützt von klackernd-krachenden Trommeln. In „Qingming Jie“ übernimmt das Mutter/Talo-Material wieder sanft, gemeinsam mit einer tragischen 10 Ringe-Version, bevor wieder die berührenden, traditionell chinesischen Klänge in den Fokus treten, wobei auch das Shang-Chi-Thema zu hören ist. In „Family“ beendet das Talo-Material das Album mit Streichern, Piano und Harfen und klingt dabei so schön und berührend wie nie zuvor. Ein überraschend emotionaler, aber willkommener Ausklang.

Fazit:

„Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“ hat gerade, besonders für Pandemie-Verhältnisse, einen extrem guten Run. Noch dazu kommt dieser Film gerade rechtzeitig für das MCU, denn er zeigt, dass es sich sehr wohl auszahlen kann, wenn man eine*n im Genre eher unerfahrene*n Regisseur*in für einen Film wie diesen anheuert, denn unter den richtigen Umständen kann so wirklich etwas Besonderes, Unterhaltsames und Beliebtes entstehen. Doch nicht nur der Film bekommt positiven Buzz, sondern auch dessen Score, und das aus gutem Grund: Joel P West ist der Schritt zu einem großen Job wie diesem wirklich gelungen. Die Themenarbeit ist gut durchdacht und verfügt über Tiefe, die Variationen sind abwechslungsreich und das asiatische Flair fügt sich hervorragend in den Orchestersound ein, natürlich auch dank der bewährten Mitstreiter Mark Graham und Gavin Greenaway. Außerdem merkt man, dass so oft wie möglich tatsächlich die Figuren im Vordergrund stehen, selbst in der Action verliert West die Geschichte nicht aus den Augen und gibt jedem Charakter-Moment immer den angemessenen musikalischen Raum. 4/5 Punkte sind da für den Score wahrhaftig angemessen, welcher gute Chancen hat, auf meiner Favoriten-Liste des Jahres zu landen. Joel P West hat die Welt der großen Blockbuster betreten – ich bin gespannt, zu welchem Projekt seine Reise als nächstes führt!

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Xu Shang-Chi – 2:55
  2. Your Father – 3:13
  3. The Bamboo Spring – 3:18
  4. Your Mother – 2:05
  5. Training – 1:55
  6. Brother and Sister – 1:38
  7. Three Days – 1:24
  8. Don’t Look Down – 4:08
  9. Revenge – 1:35
  10. My Son Is Home – 2:19
  11. Zhe Zhi – 2:55
  12. Together Soon – 1:14
  13. Stay in the Pocket – 1:45
  14. The Waterfall – 2:28
  15. Ancestors – 4:12
  16. Who You Are – 2:39
  17. A Blood Debt – 6:16
  18. Grief – 2:05
  19. Is This What You Wanted? – 3:17
  20. The Deep – 2:35
  21. Inheritance – 4:29
  22. I Won’t Leave You Again – 4:13
  23. The Light and the Dark – 1:46
  24. Qingming Jie – 2:17
  25. Family – 1:35

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