No Time to Die – Hans Zimmer

No Time To Die (Original Motion Picture Soundtrack)

Musik komponiert von
Hans Zimmer
Score produziert von
Steve Mazzaro
Original „James Bond“-Thema
komponiert von
Monty Norman
„On Her Majesty’s Secret Service”
komponiert von
John Barry
Dirigiert von
Matt Dunkley & John Altman
Orchestriert von
Joan Martorell, Òscar Senén,
Rob Westwood, Pedro Osuna,
Dan Boardman & Vicente Ortiz Gimeno
Ergänzende Musik von
Steve Mazzaro & Steven Doar

Bereits seit 1962 erfreuen die Leinwandabenteuer des von Ian Fleming erdachten britischen Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten Millionen von Zuschauern. Viele Regisseure und mehrere Schauspieler später war Daniel Craig schließlich derjenige, der am längsten mit der Rolle des James Bond verbunden war. Seine insgesamt fünf Filme variierten dabei in Qualität und hatten sowohl Highs als auch Lows zu bieten. Craigs finaler Bond-Film, „No Time to Die“, wird größtenteils hoch gelobt, ich jedoch war nicht annähernd so begeistert. Tatsächlich fühlte ich mich des Öfteren an „The Dark Knight Rises“ erinnert: die Laufzeit ist zu lang und trotzdem scheint alles seltsam überhastet, nicht alle Anspielungen sitzen, die Handlung hält sich für sehr viel cleverer und interessanter, als sie ist, es gibt ein Comic Relief-Problem, der Schurke bleibt hinter seinem Potential zurück und das Finale hat sowohl inhaltliche als auch visuelle Parallelen zum Abschluss von Nolans Batman-Trilogie. Die Schauspieler geben sich sichtbar Mühe und besonders Ana de Armas stiehlt die Sequenz, in der sie auftritt, aber letztendlich fühlt sich dieser letzte Craig-Bond auf emotionaler Ebene sehr oberflächlich und nicht vollständig verdient an, zumal die zusammenhängende „Geschichte“ über die fünf Filme verteilt nicht wirklich gut erzählt wurde.

„No Time to Die“ hatte eine ziemlich turbulente Produktion, von welcher auch sehr detailliert berichtet wurde, zumal der Hype aufgrund mehrerer Start-Verschiebungen ins Lächerliche wuchs. Eines der Opfer dieser Umstände war der ursprüngliche Komponist Dan Romer, von welchem ich von Anfang an wusste, dass er nicht bleiben würde, da ich fest damit rechnete, dass Studio und Produzent*innen ihn ersetzen würden. Dass dieser Ersatz jedoch Hans Zimmer sein sollte, hatte ich nicht erwartet. Zudem waren nicht wenige besorgt darüber, was Zimmer mit seinem doch sehr überwältigenden Bombast-Stil wohl aus dem typischen Bond-Sound machen würde. Allerdings mag Hans Zimmer vieles sein, aber vor allem ist er doch ein extremer Fanboy. Entsprechend richtig waren auch hier meine Erwartungen: „No Time to Die“ ist ein Hans Zimmer-Bond-Score durch und durch, der jedoch auch mit einigen Überraschungen aufzuwarten vermag.

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Starten wir mit dem Titelsong, über welchen viel Aufhebens gemacht wurde, da er von dem sehr jungen Gesangstalent Billie Eilish stammt – sie ist die bisher jüngste Person, welche einen Bond-Song sang! Das Lied „No Time To Die“ wurde bereits am 13. Februar 2020 veröffentlicht, allerdings hatte ich ihn vor Filmsichtung nur ein einziges Mal gehört (auf Drängen meines jüngsten Bruders hin, welcher großer Fan ist), sodass ich ihn innerhalb des Films noch vergleichsweise frisch wahrnehmen konnte. Ich mag den Song sehr, Eilish singt mit Hingabe und Emotion und die Arrangements von Zimmer und Matt Dunkley sind sehr wirkungsvoll und passend. Tonal erinnert er durchaus an die Stimmung, welche schon „Skyfall“ und „Writing‘s on the Wall“ verbreiteten, aber „No Time To Die“ klingt noch einmal um ein Vielfaches trauriger.

Was am Score selbst überrascht, ist die Tatsache, wie sehr sich Zimmer und sein Team auf bereits bekanntes Bond-Material stützen – vielleicht kommt es mir aber auch nur so vor, da Zimmers Vorgänger, Thomas Newman, das klassische Monty Norman-Thema kaum verwendete. In „Gun Barrel“ wird das Thema entsprechend cool arrangiert, inklusive E-Gitarre und leicht gruseligem Ausklang, und sobald „Matera“ eine romantisch-ausschweifende Instrumental-Version des John Barry-Songs „We Have all the Time in the World“ vorstellt, mit Streichern, Holzbläsern und Harfe, versteht man, worauf Zimmer hinauswill: musikalisch sind Teile des Scores eine Hommage an die „Legacy“ der gesamten Reihe, des Charakters selbst, und die Platzierung der Melodie ergibt im Kontext auch absolut Sinn.

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Norman-Bond-Variationen lassen sich in vielen Tracks finden: in „Someone Was Here“ werden die coolen Klänge mit exotischen Holzbläsern vermischt, eine etwas eiligere Version gibt es am Ende von „What Have You Done“, in „Shouldn’t We Get to Know Each Other First“ erklingt eine Verarbeitung in Kombination mit sinnlichen Streichern und Gitarren, bevor das Statement voller wird und „Back to MI6“ lässt es vollständig und klar erklingen, wobei die Blechbläser-Stöße ganz in Zimmer-Tradition etwas deftiger als gewohnt sind. „Good to Have You Back“ verarbeitet das Thema aus John Barrys „On Her Majesty’s Secret Service” mit sehr viel Tragik, was den Track nahezu reuevoll und sehr emotional macht und „Lovely to See You Again“ und „Home” lassen die Melodie aus dem Billie Eilish-Titelsong in den Score einfließen, wobei „Home“ mit beinahe schon ätherischem Frauengesang besonders wirkungsvoll ist.

Die Action startet erstmals in „Message From an Old Friend“, wo auch der „moderne“ Zimmer mit waberndem Dröhnen und Ziepen zum Vorschein kommt, vermischt mit dissonanten und verfremdeten Blechbläser-Klängen, was angemessen gruselig klingt. Dann geht es in tiefe Blechbläser und teilweise künstliche Percussion über, bis dann die Action mit allen Schikanen loslegt. Zimmers Einfluss ist mit den sausenden Streichern, gedämpften Blechbläsern und der Elektronik unverkennbar, aber Hörner und Gitarre fügen trotzdem dieses besondere Bond-Feeling hinzu, welches auch hier gut funktioniert. Sonderlich raffiniert oder einfallsreich ist das alles zwar nicht, aber es klingt angemessen wuchtig, auch wenn dies nicht der beste Action-Titel des Scores ist. Auch das Bond-Thema selbst erhält einige Anspielungen hier. In „Square Escape“ kommt auch ein neues Action-Element zum Tragen, eine sehr aggressive und leicht versteckte Verarbeitung des Bond-Themas mit teilweise dröhnenden Blechbläsern, Elektronik und Percussion, verpackt in einen Rhythmus, welcher ganz ähnlich schon in „Sherlock Holmes: A Game of Shadows“ zu hören war. „What Have You Done“ stellt zudem den bedrohlichen Männerchor vor, welcher den Schurken Lyutsifer Safin charakterisiert.

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„Cuba Chase“ ist ein besonderes Highlight, denn hier werden den Bond- und Zimmer-Klängen muntere, beinahe komödiantische lateinamerikanische Elemente hinzugefügt, was mit den flirrenden Trompeten und wilden Percussion ziemlich unterhaltsam klingt, auch der dröhnende Action-Rhythmus kehrt zurück. Insgesamt ist der Titel vollkommen Over-the-Top, aber seit wann ist Bond ein Mann der leisen Töne? Auch in „Norway Chase“ schlägt die Action mit ganzer Macht zu: die aggressiven Blechbläser-Stöße mit elektronischen Rhythmen und Beats, begleitet von rufendem Chor, machen durchaus was her und auch Spaß. Der Chor, welcher hier das Schurken-Materials variiert, bleibt auch den Rest des Tracks über präsent, während die Musik noch etwas rasanter wird und alle bereits etablierten Action-Elemente gut verbindet. In „Gearing Up“ machen leicht nervöse Gitarren bald eiligen Streichern, Blechbläsern und Percussion Platz, wobei abermals Bond-Elemente mitschwingen, gegen Ende werden die Streicher-Ostinati höher und teilweise auch gezupft. In „Poison Garden“ übernimmt das Material des Schurken, mit leicht gequält klingenden Streichern, wobei der Chor wie derjenige der Decepticons aus Steve Jablonskys „Transformers“ klingt. Das Schurken-Thema selbst ist eine nur vage versteckte Dies Irae-Anspielung, hier in Form leicht kindlich-diabolischer, auf- und absteigender Töne.

„The Factory“ läutet das Finale ein und nach anfänglichen Schurken-Statements wird hemmungslos recycelt: als wären Zimmer selbst beim Sichten des Films auch die entsprechenden Parallelen aufgefallen, gibt er sich nicht sonderlich Mühe, zu verstecken, dass es sich hier nur um leicht veränderte Versatzstücke seines „The Dark Knight Rises“-Scores handelt, teilweise sogar fast Beat for Beat. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sich ab und zu Bond-typische Blechbläser-Stöße in die bekannten Action-Klänge mischen. In „I’ll Be Right Back“ verbindet sich das Schurken-Thema leicht mit „No Time to Die“-Elementen, bevor die Action wieder loslegt, abermals mehr als teilweise von „The Dark Knight Rises“ übernommen (hört nur auf den Part ab 1:26!). Danach kommt wieder das Schurken-Thema dazu und vermischt sich sehr gelungen mit der „No Time to Die“-Melodie, inklusive Frauenstimme. Man muss zugeben, die Dramatik sitzt hier, und für diejenigen, die tatsächlich emotional in den Film involviert sind, wird die Musik im Kontext garantiert noch besser funktionieren. Am Ende kommt es dann wohl zur unverschämtesten „Batman“-Kopie, allerdings mit Bond-Blechbläsern vermischt.

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In „Opening the Doors“ kommen wieder deftig dröhnende Action-Verarbeitungen des Bond-Materials zum Einsatz, in der zweiten Hälfte erstaunlich laut, kräftig und aggressiv, was ein definitives Highlight darstellt. „Final Ascent“ schließlich bildet das dramatisch-tragische Finale, wobei auch garantiert ein gewisses Stück aus „Inception“ Vorbild war, was Stimmung und Takt angeht. Mithilfe sehr trauriger, auf- und absteigender Streicher ist das Titelthema abermals beteiligt, in Form eines sanften und endgültig klingenden Klaviers. Auch wenn hier einigen Zuschauern und Zuhörern garantiert die Tränen kamen – mir gibt diese Musik auf emotionaler Ebene größtenteils absolut nichts, was sich jedoch bei den Streichern ab 6:06 ändert, denn diese legen sich mächtig ins Zeug und sorgen doch für einen ganz kleinen Kloß im Hals. Hey, ich bin schließlich nicht aus Stein!

Fazit:

Auch wenn ich absolut kein Fan des Films selbst war, so hat mich die Musik doch angenehm überrascht: Hans Zimmer erfindet sich hier mithilfe seines Teams absolut nicht neu, aber er liefert genau das ab, was man wohl als die bestmögliche Kombination seines Stils und der Bond-Klänge erwarten konnte. Die Action hat Wucht, die Statements des Monty Norman-Titelthemas sind sehr gelungen eingebaut und die Callbacks zu John Barry sind ein netter Touch. Man merkt, dass das Franchise Zimmer viel bedeutet und dieser Score stellt eine angemessene Verneigung vor dessen Vermächtnis dar. 3,5/5 Punkte gibt es dafür von mir – kein Score für die Top 10, aber durchaus ein Album, zu welchem ich in Zukunft gerne zurückkehren werde. Allerdings reicht diese Verbindung zwischen dem klassischen Bond-Sound und der Remote Control-Action nicht an die Qualität der „Kingsman“-Scores von Henry Jackman und Matthew Margeson heran – diese sind eindeutig die spaßigere Wahl.

Notiz: Ich habe mit Überraschung festgestellt, dass es sich bei einem der Orchestratoren um Rob Westwood handelt, welcher die Scores zu zahlreichen Lego-Videospielen, aber auch zu der Online-Fantasy-Serie „Ren“ komponiert hat, wodurch ich überhaupt erst auf ihn gestoßen bin. Ich freue mich sehr, dass er nun auch an einem so großen Projekt wie diesem beteiligt war und ich hoffe, ich höre noch viel mehr von ihm.

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Gun Barrel – 0:55
  2. Matera – 1:59
  3. Message From an Old Friend – 6:35
  4. Square Escape – 2:06
  5. Someone Was Here – 2:56
  6. Not What I Expected – 1:24
  7. What Have You Done? – 2:14
  8. Shouldn’t We Get to Know Each Other First – 1:21
  9. Cuba Chase – 5:40
  10. Back to MI6 – 1:30
  11. Good To Have You Back – 1:17
  12. Lovely To See You Again – 1:25
  13. Home – 3:45
  14. Norway Chase – 5:06
  15. Gearing Up – 2:53
  16. Poison Garden – 3:58
  17. The Factory – 6:42
  18. I’ll Be Right Back – 4:59
  19. Opening the Doors – 2:44
  20. Final Ascent – 7:25
  21. No Time to Die (Billie Eilish) – 4:04


2 Gedanken zu “No Time to Die – Hans Zimmer

  1. Hmm, im Großen und Ganzen würde ich sagen: Mal wieder eine sehr ähnliche Wahrnehmung. Ich war vielleicht zum Film etwas gnädiger, du zum Score, aber ich denke, wir sind uns einige, dass Kuba in jedem Fall und jeder Hinsicht der Höhepunkt war 😉 Und weniger Dark-Knight-Musik hätte dem letzten Drittel sicher gut getan. Vielleicht wäre es besser gewesen, Zimmer wäre beim zitieren noch einen Schritt weiter gegangen und hätte die eine oder andere Action-Variation des OHMSS-Themas in die Musik des Finales eingearbeitet, anstatt TDKR zu recyceln. Hätte ich auf jeden Fall gerne gehört, ich mag das Thema verdammt gerne.

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