The Witcher: Season 2 – Joseph Trapanese

Witcher Season 2Musik komponiert & Produziert von
Joseph Trapanese
Original-„Witcher“-Themen
komponiert von
Sonya Belousova & Giona Ostinelli
Dirigiert von
George Strezov
Orchestriert von
Ian Gottlieb & Hal Rosenfeld
Ergänzende Musik von
Max Davidoff-Grey, Clark Rhee,
Jared Fry, Jason Lazarus
& Derek Zeoli

Erwartungen sind gefährlich.
Die erste Staffel der Netflix-Serie „The Witcher“, basierend auf den polnischen Fantasy-Büchern von Andrey Sapkowski, bot mit der Musik von Sonya Belousova und Giona Ostinelli einen meiner Lieblings-Scores des Jahres 2019 auf. Die beiden waren sogar Gäste meines Podcasts „Fans About Films“, wo sie sehr enthusiastisch und fröhlich über ihre Arbeit sprachen: über die interessante Wahl der Instrumente, über die cleveren Variationen der Themen und über den Anteil, welchen Belousovas eigener Gesang am Sound der Musik hatte. Ich erinnere mich noch, wie ich den beiden sagte, wie sehr ich mich darauf freute, was sie wohl in Staffel 2 abliefern würden.
Spulen wir nun zum 30. Oktober 2021 vor, an welchem offiziell bekannt gegeben wurde, dass Joseph Trapanese als Komponist der zweiten Staffel feststand.
Erwartungen sind gefährlich. Denn diese können sehr schnell in unberechtigte Vorurteile münden.

Ich kann nicht sagen, dass ich ein großer Fan von Trapanese bin, wobei ich jedoch nichts gegen ihn persönlich habe. Er wirkt wie ein sehr netter Mensch, welcher stets mit großer Freude an die Jobs, welche er bekommt, herangeht. Er liefert das ab, was Produzent*innen und Regisseur*innen haben wollen und er wird dafür gut bezahlt. Dies ändert nichts daran, dass er mit den Arbeiten, welche ich bisher von ihm gehört habe, nicht mein Herz hat gewinnen können. Er hatte das Glück, relativ früh in seiner Karriere an dem vielfach beachteten Daft Punk-Score zu „Tron: Legacy“ beteiligt zu sein (und machen wir uns nichts vor: der Löwenanteil der Musik geht garantiert auf seine Kappe) und bekommt seitdem so einige mal höher, mal niedriger profilierte Aufträge, allerdings sehr regelmäßig, von „Oblivion“ über „The Greatest Showman“ bis hin zum 2018er „Robin Hood“ und Netflix’s „Shadow and Bone“. Einige dieser Scores haben gemein, dass Trapanese sehr gerne dem offensichtlichen Temp Track zu folgen scheint: „Oblivion“ fühlte sich an wie ein Sampler-Album verschiedener Hans Zimmer-Scores und „Robin Hood“ kopierte, genau wie der Film selbst, ganze Stellen aus „Batman Begins“. Kurz gesagt: ich konnte mit seiner Musik bisher nicht wirklich viel anfangen. Dennoch war ich gewillt, im Vorfeld fair zu bleiben, auch wenn ich nicht glaubte, dass seine Bemühungen auch nur im Entferntesten an die Kompositionen von Belousova und Ostinelli heranreichen würden. Ich nahm mir vor, den Score auch für sich allein zu betrachten und nicht nur konstant mit dem der ersten Staffel zu vergleichen (obgleich ich das natürlich zwangläufig tun muss). Das Ergebnis ist nicht so eine Riesen-Enttäuschung, wie ich befürchtet hatte, aber die Musik lässt dennoch so einige Wünsche offen.

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Das größte Manko an „The Witcher: Season 2“ ist, wie schmerzhaft generisch und unscheinbar der Score oft klingt. Wo Staffel 1 durch interessante Instrumente, kreative Gesangsparts und sehr ungewöhnliche Klangexperimente überzeugte, hört sich Trapaneses Musik an einigen Stellen „safe“ und sehr vorhersehbar an. Noch dazu fehlt den Arrangements die Power des Scores der ersten Staffel, was sich ganz besonders bei Geralts Thema bemerkbar macht, denn immerhin wird thematische Kontinuität gewahrt und klare Charakter-Melodien sind wiederverwendet worden. Zum ersten Mal erklingt das Thema des Hexers am Ende von „Nivellen“, unheimlich hallend, verzerrt und wirkungsvoll, in „Kaer Morhen“ erhält es ein halbwegs episch gemeintes Statement mit Streichern, Blechbläsern und Percussion, wobei sich der Sound eindeutig dem der Spiele annähert. Wie es in der zweiten Hälfte von „Leshen“ in die Action eingearbeitet wird, klingt nicht uninteressant, aber irgendwie grob, zu sehr auf Krawall und Coolness gebürstet. Auch in „Myrapod Chase“ kommt es vor, wo die Musik teilweise in die experimentellen Gefilde der ersten Staffel vorstößt, mit hallenden Klängen, klackernden Percussion und tiefen Streichern, allerdings klingt der Track teilweise viel zu sehr nach Disko-Musik mit seinen elektronischen Beats. Ganz besonders lahm erklingt Geralts Thema am Ende von „Chernobog“ und in „Melitele“ wird ein bereits in Staffel 1 angewendeter Trick wiederholt: das Geralt-Thema wird mit dem Instrument Yennefers, der Oboe, gespielt, als sich die beiden unverhofft wiedersehen.

„Fire Fucker“ kommt tatsächlich teilweise an die interessanten Klang-Experimente der ersten Staffel heran, wenn Trapanese und sein Team während eines brutalen Kampfes das Geralt-Thema mehrmals variieren. Es bewegt sich hin und her, brachial und rau und klingt teilweise gar wie Sounddesign, wenn es elektronisch verfremdet auf- und abebbt. Kein schlechter Action-Titel, welcher erst ab der Hälfte an Fahrt aufnimmt, mit etwas, das wie Hurdy-Gurdy klingt, Fideln und fremdartigen Synth-Percussion. Weitere Verarbeitung des Themas kommen in „Tell Me What You Want“ und „Basilisks“ vor.

Witcher season 2

Ein tatsächlich cleverer Einfall manifestiert sich in einer neuen Melodie, welche gewissermaßen das Geralt-Thema und die Cintra-Melodie, welche in der ersten Staffel oft Ciri begleitete, miteinander vermischt! Zum ersten Mal ist dies in „Some Wounds Can’t Be Healed“ mit Streichern, Harfe (oder Laute) und sachten Blechbläsern zu hören. Eine erweiterte Version dieser Idee kommt in „Power and Purpose“ vor, inklusive Gesang. Auch in „Witcher Training“ hören wir dieses neue Thema, dieses Mal sehr viel flotter und mit klackernden Percussion, sowie sehr schön und bedauernd in „I Believe in You“ und entschlossen und emotional in „We’re Your Family“. „The Key to the Future“ variiert das Cintra-Thema auf rauen Streichern, mit sanftem Gesang und anschließend mit Streicher-Ostinati, welche klingen, als wären sie einem der „Kingsman“-Filme entnommen. In „Remembering Cintra“ hören wir überraschend Yennefers Thema mit ihrem Kern-Instrument aus Staffel 1, der Oboe, gleich darauf abgelöst von düsterem Männerchor und rauerer Instrumentierung, welche hier und da beinahe Geralts Thema anspielt. Dann kommt erfreulicherweise eine summende Frauenstimme zum Einsatz, welche Renfris Thema vorträgt, ein weiteres wichtiges Kernstück von Staffel 1. Danach wird es gefährlicher und gruseliger, mit unheimlich flüsternden Stimmen und exotisch klingenden Holzbläsern und einer interessanten, sanften Streicher-Version von Geralts Thema. Dieser Titel könnte tatsächlich auch so in Staffel 1 vorkommen, aber wahrscheinlich liegt dieser Eindruck einfach daran, dass so spezifische Themen von Belousova und Ostinelli verwendet werden. In „Sworn to Protect“ vermischt sich das Cintra-Thema abermals mit demjenigen von Renfri.

Abseits davon gibt es noch einige andere Stellen, die herausstechen: „Nivellen“ bietet leider eher albern und künstlich klingende Comedy-Musik auf, welche wohl „märchenhaft verspielt“ sein will und sogar in Fake-Thomas-Newman-Territorium abdriftet (hier scheint der Temp Track mitunter am deutlichsten durch). „Aretuza Loses Another“ geht vom Sound her abermals in die Richtung von Staffel 1, mit rauen, aber tragischen Streichern, Lauten und Holzbläsern. „The Pendulum“ klingt generisch und dünn, da sich die Instrumente hier viel zu künstlich anhören, „Stay With Me“ ist mit Harfe und Streichern sehr schön, sanft und berührend und „Who Did This to You?“ mit hallendem Gesang und Streichern geheimnisvoll, sehnend und emotional, mit Lautenklängen, die sich ganz ähnlich wie der Kaer Morhen-Titel aus „The Witcher 3: Wild Hunt“ anhören. In „Melitele“ macht es sich Trapanese denkbar einfach: da der Tempel der Melitele in der Serie Ähnlichkeiten zu Elementen der indischen Kultur aufweist, setzt er hier entsprechende Instrumente ein, wie besondere Gongs, Duduk und leichte Percussion. „Elve’s Allegiance“ ist mit sanftem Gesang und hallenden, klopfenden Percussion sehr schön und klingt, als würde eine vergangene Zeit beweint. „Pain and Desparation“ und „Basilisks“ sind deftiger und bedrohlicher, gerade letzterer quietscht und dröhnt wild drauflos, was jedoch alles etwas zu zweckmäßig wirkt. „The Wild Hunt“ ist dissonant, kratzend und dröhnend und „Nilfgaard Attacks“ sowie „The White Flame“ bieten ein listiges, flottes Thema für Blechbläser und Streicher auf, welches tatsächlich an den Game-Score von „The Witcher 3“ erinnert, allerdings etwas zu elektronisch klingt und so wirkt, als wäre es teilweise einem „Pirates of the Caribbean“-Score entnommen.

Witcher 2 Yennefer

Das definitive Highlight des Albums sind dieses Mal die Jaskier-Songs, von denen allerdings nur einer, „Burn Butcher Burn“, vollständig in der Serie erklingt. Hier wird das Lautenspiel und Joey Bateys Gesang von Trommel und Cello begleitet und Batey singt tief getroffen und voller Emotion. „Whoreson Prison Blues“ ist mein zweitliebster Jaskier-Song der Staffel, welchen er zwar nicht vollständig, aber teilweise in einer witzigen Szene mit einigen Mäusen singt. Allerdings schimmert selbst hier Temp Track durch, denn sowohl Melodie als auch die eher westlich klingende Instrumentierung erinnern mich stark an den Dark Country-Song „Grave Digger“ von Blues Saraceno, welcher erst letztes Jahr prominent den Trailer zum Indie-Game  „The Forgotten City“ untermahlte. Zufall? Ich würde es gerne glauben…

Der absolut beste Song und noch dazu beste Track des gesamten Albums ist aber der allererste Titel, „The Golden One“: dieses Lied erzählt die Geschichte aus Staffel 1, in welcher Geralt und Co. dem goldenen Drachen begegneten, welcher sich zuerst als gewöhnlicher Mann tarnte, begleitet von zwei serrikanischen Kriegerinnen. Bateys Gesang ist leidenschaftlich und kraftvoll, die Instrumentierung reicht hier am ehesten an die der ersten Staffel heran und die Melodie klingt schon fast ein wenig zu episch für „The Witcher“, ganz besonders, wenn Blechbläser und eine furiose Violine zum Einsatz kommen. Umso bedauerlicher, dass dieser Song nie in dieser Form in der Serie selbst vorkommt: in Folge 4 singt Jaskier kurz zwei Zeilen in einer brenzligen Situation und in Folge 7 hören wir für einige Takte die reine Instrumental-Version, als Geralt sich den Zwergen anschließt, welche schon damals bei dem Drachen-Abenteuer dabei waren. Mir gefällt die Idee, wie die Melodie an dieser Stelle eingesetzt wurde, aber das ist alles, was wir von dem Song in der Staffel hören. Er wäre perfekt gewesen für den Abspann von Folge 8, als ein etwas hoffnungsvollerer und heroischerer Abschluss der Staffel, aber nein: es ist, als hätten die Macher überhaupt nicht realisiert, woran sie mit diesem grandiosen Lied waren, welches bisher tatsächlich mein Favorit der Jaskier-Songs ist, „Toss a Coin to Your Witcher“ und „He Sweet Kiss“ noch übertreffend.

Witcher 2 Jaskier

Fazit:

Was am Ende bleibt, sind Fragen: warum wurden Sonya Belousova und Giona Ostinelli für Staffel 2 ersetzt? Beide scheinen keinen Groll gegen die Showrunner zu hegen, da sie weiterhin fröhlich ihre Arbeit an Staffel 1 promoten und sogar ein kleines Konzert-Suiten-Album herausgebracht haben, als Staffel 2 erschien. Brauchten sie nach ihrer einjährigen Arbeit an Staffel 1 einfach eine Pause und etwas Abstand? Werden sie vielleicht für Staffel 3 zurückkehren? Ich kenne den Hintergrund nicht, aber die Wahl des Ersatz-Komponisten hätte meiner Meinung nach kaum uninspirierter ausfallen können. Andere Komponisten wie Neal Acree, Ramin Djawadi oder Lorne Balfe hätten mit Sicherheit noch einiges mehr aus der Staffel herausholen können. Was Trapanese hier abgeliefert hat, klingt selten schlecht, teilweise interessant, aber oft seltsam blass und zu generisch. Bezeichnend ist zudem, dass in der Serie selbst einige Stücke aus der ersten Staffel einfach ohne neue Variation gespielt werden. Das Geralt/Ciri-Misch-Thema ist eine gute und wirkungsvolle Idee, die emotionalen Parts sitzen, einige der experimentelleren Stellen sind interessant und die Songs, allen voran „The Golden One“, machen Spaß! Aber dennoch bin ich sehr niedergeschlagen, dass Ostinelli und Belousova hier nicht mit von der Partie waren. Die zweite Staffel ist in so vielerlei Hinsicht besser als die erste – die Musik jedoch ist ein Rückschritt, sodass ich schweren Herzens 2,5/5 Punkte vergeben muss, mit der Hoffnung, dass entweder das ursprüngliche Duo für die dritte Staffel zurückkehrt oder dass man einen kreativeren Kopf als Trapanese findet – einen, der Orchester und Solisten natürlicher und wuchtiger klingen lässt, die Elektronik minimiert und allgemein mehr wagt…

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. The Golden One (feat. Joey Batey) – 3:23
  2. Nilfgaard Attacks – 2:39
  3. Nivellen – 3:29
  4. Some Wounds Can’t Be Healed – 1:32
  5. Kaer Morhen – 1:44
  6. Leshen – 6:11
  7. Power and Purpose – 4:43
  8. Aretuza Loses Another – 1:36
  9. The Pendulum – 2:17
  10. Witcher Training – 2:11
  11. Myrapod Chase – 3:13
  12. Stay With Me – 3:11
  13. Who Did This to You? – 1:46
  14. The Key to the Future – 1:45
  15. Done Dealing in Debts – 4:50
  16. Burn Butcher Burn (feat. Joey Batey) – 2:39
  17. Remembering Cintra – 4:39
  18. Elder Blood – 2:44
  19. Chernobog – 2:15
  20. Melitele – 4:02
  21. Fire Fucker – 4:53
  22. Whoreson Prison Blues (feat. Joey Batey) – 2:07
  23. Sworn to Protect – 4:37
  24. Elves’ Allegiance – 1:34
  25. I Believe in You – 2:33
  26. Pain and Desperation – 5:21
  27. Tell Me What You Want – 3:19
  28. Basilisks – 6:59
  29. We’re Your Family – 3:01
  30. You Belong With Us – 1:37
  31. The Wild Hunt – 2:25
  32. The White Flame – 2:49


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