The Northman – Robin Carolan & Sebastian Gainsborough

NorthmanMusik komponiert von
Robin Carolan & Sebastian Gainsborough
Musik produziert von

Daniel Elms
Dirigiert von

Jessica Cottis
Orchestriert von

Dave Foster
Solist*innen:

Laetitia Stott (Birkenrinden-Lure & Carnyx),
Poul Høxbro (Vallhorn & Knochenflöten),
Vicki Swan (Säckpipa & Nyckelharpas),
Visy Bloodaxe (Maultrommel & Kehlgesang)
& Jonny Dyer (Leier)
Kehlgesang:
Jonas K. Lorentzen & Adrian Peacock
Gesang:

Dessislava Stefanova & Karin Ericsson Back
Percussion:

Paul Clarvis, Frank Ricotti
& Joby Burgess

„The Northman“ ist, nach „The Witch” und “The Lighthouse”, Robert Eggers’ dritter Langfilm und setzt, genau wie diese beiden, auf ordentlich Atmosphäre und Authentizität. Wohingegen „The Witch“ ein interessanter Horrorfilm und „The Lighthouse“ ein bizarres Kammerspiel mit Grusel-Elementen war, schlägt „The Northman“ in eine ganz andere Kerbe und ist ein ziemlich gradliniges Rachedrama, welches vor allem die rituellen und mystischen Aspekte der Wikingerkultur in den Vordergrund rückt. Das Ergebnis ist düster, deftig, blutig und an einigen Stellen höchst skurril, dabei aber auch in höchstem Maße einnehmend. Man merkt Eggers und seinem Team stets die Leidenschaft am Projekt an, das größere Budget ist stets sichtbar, Bilder und Stimmung sind fantastisch und die schauspielerischen Leistungen durchweg überzeugend und wirkungsvoll.

Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass Eggers für „The Northman“ abermals Mark Korven anheuern würde, welcher auch sehr stimmungsvolle Scores für dessen vorherige Filme komponiert hatte. Stattdessen ging der Job an Robin Carolan und Sebastian Gainsborough. Anfangs sagten mir diese Namen nichts und dafür gibt es einen guten Grund: dies ist der erste Filmscore beider Komponisten! Robin Carolan ist ein Musikproduzent aus Essex, welcher das 2020 aufgelöste Record Label „Tri Angle“ gründete und auch mit Björk zusammenarbeitete, welche im Film einen Gastauftritt hat. „Tri Angle“ brachte auch Arbeiten des Musikers und Produzenten Sebastian Gainsborough alias Vessel heraus, also gibt es hier definitiv eine Connection, allerdings bin ich mir nicht sicher, was für die Entscheidung, die beiden als Komponisten für „The Northman“ zu verpflichten, ausschlaggebend war. Doch letztendlich ist es das Ergebnis, was zählt… und dieses kann sich durchaus hören lassen!

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Zunächst eine Warnung vorweg: wer hier mit einem leicht verdaulichen Wikinger-Abenteuer-Score rechnet, sollte sich entweder ganz schnell verkrümeln oder aber die Erwartungen anpassen. Dies hat mit den epischen Klängen von „The 13th Warrior“, bei welchem Jerry Goldsmith zu tönenden Blechbläsern und ausschweifendem Männerchor den Taktstock schwang, so gut wie gar nichts gemein. Welche Scores man hier eher als Vergleich nennen kann, sind einmal Olivier Derivieres düster-harsche und traurige Klänge zum Videospiel „A Plague Tale: Innocence“ und Daniel Pembertons unkonventionelle, raue Musik zu Guy Ritchies „King Arthur: Legend of the Sword“. Tatsächlich bin ich mir sicher, dass beide Scores zumindest zum Teil als Temp Track für diesen Film gedient haben, aber auch an Clint Mansells „Noah“ fühlte ich mich bisweilen erinnert. Wenn ihr diese Scores im Kopf habt, dann habt ihr eine gute Vorstellung davon, wie „The Northman“ klingt… und davon hängt auch ab, wie gut euch dieser Score gefällt.

Wie schon die Scores von „The Witch“ und „The Lighthouse“ setzt „The Northman” weniger auf thematische Entwicklung, sondern vor allem Atmosphäre und Authentizität. Dennoch ist dies überraschenderweise der zugänglichste Score zu einem Robert Eggers-Film, denn es ziehen sich tatsächlich einige Melodien durch die Musik. Um angemessen „historisch korrekt“ zu klingen, werden Instrumente wie Birkenrinden-Lure (eine Art Holz-Trompete), Vallhorn, Nyckelharpa, Leier und sogar Carnyx verwendet, letzteres eine keltische Kriegs-Trompete aus Bronze mit einer Mündung in Tierkopfform. Ich kann mich nicht erinnern, wann eine Carnyx zuletzt für einen Filmscore verwendet wurde (wenn überhaupt), aber auf die meisten Hörer wird das sicher keinen Unterschied machen. Viele werden denken, sie hören einfach leicht verfremdete Hörner und raue Streicher, aber das Wissen, um welche Instrumente es sich exakt handelt, hilft dabei, sich noch ein wenig mehr in der Wirkung der Musik zu verlieren.

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„Approaching Hrafnsey“ führt mit nachhallenden Percussion in die mystische Welt der Wikinger ein, gemeinsam mit den historischen Hörnern, Holzbläsern und weiterem Getrommel in einer Art kontrollierten Kakophonie. „Last Teardrop“ klingt mit düsterem Gesang, Trommeln und Streichern sehr horrorartig, „Escape“ ist dissonant und sorgt für Nervosität und Verwirrung. „Seeress“ vollbringt etwas unglaubliches und lässt den langgezogen-klagenden Frauengesang frisch und stimmungsvoll und nicht nervig klingen – dieses ansonsten so unfassbar ausgelutschte Klischee! Gemischt mit flüsternden Stimmen, hallenden Trommeln, nervösen Streichern und luftigen Holzbläsern wird hier eine andersartige Atmosphäre heraufbeschworen. „Raven’s Omen“ klingt mit Klanghölzern, Trommeln und fern hallenden Hörnern tückisch, „I Will Save You, Mother“ ist nervös und klagend, „Follow the Vixen’s Tail“ ist mit Flöten und unterschwelligen Streichern mystisch und unheimlich und in „Mound Dweller“ kommt Kehlgesang zum Einsatz, gemischt mit Trommeln und Geisterchor. Dies war es größtenteils mit den etwas schwierigeren Tracks, denn alles andere geht in eine etwas zugänglichere Richtung.

„The King“ stellt das Hauptthema auf Nyckelharpa vor, eine gleichermaßen stimmungsvolle wie entschlossene Melodie, welche mich sofort an ähnliche Stellen aus Daniel Pembertons „Legend of the Sword“ erinnerte. In „Entering the Temple“ hören wir dieses Thema zögerlich variiert, gemischt mit tiefem Kehlgesang, Klanghölzern und Schellen: man fühlt sich wirklich wie an einem längst vergessenen Ort des Okkulten. „Strike, Brother“ vermischt das Hauptthema mit tragischen Streichern und der Chor sorgt für wahre Gänsehaut, bevor das Thema in „I Will Avenge You, Father“ in einer weiteren tragischen Version auftaucht. „The Land of the Rus“ ist ein besonderes Highlight, als sich eine grimmig entschlossene, neue Melodie für Streicher, welche dem Hauptthema etwas ähnelt, zu rhythmischen Trommeln mischt, hier erinnert die Musik sehr an „Noah“. „Storm at Sea / Yggdrasill“ hat mehr Tempo, mit Trommeln und klagenden Streichern sowie Nyckelharpa, wobei auch das Hauptthema vorkommt. In „Iceland“ beschwören langgezogene Streicher und Trommeln die Bilder eines weitläufigen, aber leeren Landes herauf, „Slave Work“ lässt die Maultrommel zu etwas flotteren Streichern und Percussion hinzukommen und variiert das Thema aus „The Land of the Rus“. „Blood Tree, Part 1“ und „Blood Tree, Part 2“ sind sehr mystisch und beschwören eine nahezu hypnotische Stimmung herauf, der man sich nicht entziehen kann.

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In „He-Witch“ mischen sich hauchende und abgehackt atmende, nahezu „schnüffelnde“ Stimmen mit geisterhaftem Gesang, was teilweise an die gruseligen Klänge aus Stanley Kubricks „The Shining“ denken lässt. Hier fühlt man sich wieder in die Atmosphäre von „The Witch“ und „The Lighthouse“ zurückversetzt, allerdings sehr viel rauer, ursprünglicher und selbstverständlich archaischer, der mit Abstand unheimlichste Track bisher. In „Draugr“ sorgen kräftige Trommeln, Gongs und ungezügelt rufender Männerchor für eines der wohl coolsten, stimmungsvollsten Schwert-Intros der Filmgeschichte. Dabei rufen die Stimmen wahrscheinlich auf Altnordisch, auch den Namen des Schwertes. „To the Games“ klingt mit Säckpipas, klackernden Percussion und Maultrommel am ehesten mittelalterlich, „Birch Woods“ ist wieder etwas sanfter und melodiös, mit Laute, Holzbläsern und Streichern.

„First of Many“ führt den Racheteil des Filmes ein, „Trollish Sorcery“ ist sehr düster, mit nervösen Streichern, die wie ein Bienenschwarm klingen, „Svið Night, Part 1“ lässt die Maultrommeln mit Bläsern und verschiedenen listigen Trommeln zurückkehren und ich kann die seltsamen Geräusche, welche „Svið Night, Part 2“ dominieren, nicht einmal richtig bestimmen, sie klingen aber wie leiernd-kratzige Streicher. Allerdings kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass sich der Track vollkommen schräg und unfassbar gruselig anhört. In „I Am Your Death“ driften die kratzend-quietschenden Streicher gar in Joseph Bishara-Horror-Territorium ab und gehen einem durch Mark und Bein, „I Am His Vengeance“ ist mit schnellen Trommeln und tiefen Streichern grimmig und entschlossen, „Óðinn“ wird von altnordischem, tiefem Männergesang getragen, was sich wie eine uralte rituelle Formel anhört und „Valkyrie“ bietet eine ebenfalls entschlossene, aber düstere Streichermelodie auf, mit Trommel-Unterbau und Frauengesang, welcher gegen Ende sowohl unheimlich als auch triumphierend verhallt.

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Auch „Vestrahorn“ ist zwar triumphal, aber kurz, „Hidden Valley“ bietet langgezogene, erleichterte Streicher mit einigen Lauten- und Leierklängen auf, „Bloð Inside / I Choose Both“ ist mit klagenden Streichern voller Sorge und Bedauern, wohingegen „A Maiden King“ mit seinem Frauengesang an Howard Shores „The Lord of the Rings“ denken lässt. „The Gates of Hel / Slain by Iron“ ist mit Flöten, Hörnern und Streichern klagend und düster, mit einer sehr tragischen Komponente, aber so richtig überwältigt werden wir in „Hekla“, wo sich zu abermals archaischen Trommeln, kratzenden Streichern und Hörnern rufender Männerchor mischt, derartig wild und durchdringend, dass man hier nicht anders kann, als mitgerissen zu werden. Dies ist Musik, die auch den großen Taten eines Beowulf würdig wäre, auf seine Art durchaus episch, aber sehr viel unkonventioneller. In „Cut the Thread of Fate“ kehrt das Hauptthema auf Fideln und mit Trommeln zurück, sehr schön und tragisch, aber auch dramatisch, „Make Your Passage / Valhalla“ klingt mit den Walküren-Stimmen erlösend, gemeinsam mit flotten Trommeln und beinahe schon schrillen, aber triumphierenden Hornstößen. „Ættartré / End Credits“ ist wohl der melodischste und schönste Track des Albums, mit einer sehr sanften Version des Hauptthemas für Laute, Leier, Streicher, Nyckelharpa und Percussion, wobei Flöten und Streicher sogar an ähnliche Titel aus Hans Zimmers „The Last Samurai“ erinnern.

Fazit:

Wie auch der Film selbst ist der Score zu „The Northman“ sicher nichts für jeden: die Musik passt jedenfalls perfekt zur bebilderten Zeit und zum Volk der Wikinger selbst, sie ist rau, oft unfreundlich, alles andere als subtil und teilweise schwer zugänglich. Noch dazu ist diese Art von Soundtrack nicht eben leicht zu besprechen, dies ist ein Score, der seine volle Wirkung vor allem mit den Bildern und Performances selbst entfaltet. Aber es existiert ja dennoch ein kommerziell erhältliches Album, welches zum Anhören einlädt – und was ich gehört habe, gefällt mir tatsächlich sehr! Bei dieser Art von Musik müssen ganz bestimmte Dinge zusammenkommen, damit bei mir ein Nerv getroffen wird, und „The Northman“ ist vielleicht hin und wieder schwierig, aber die melodiösen Stellen gehen ins Ohr, die Arrangements sind wuchtig und stimmungsvoll und die Wahl der Instrumente sorgt für ein sehr interessantes und einnehmendes Hörerlebnis. Besonders, wenn man bedenkt, dass dies der erste richtige Filmscore von Robin Carolan und Sebastian Gainsborough war, ist diese Musik als absoluter Erfolg zu verbuchen. 4/5 Punkte gibt es dafür von mir und ich empfehle dieses Album nicht nur Fans vergleichbarer Scores wie „A Plague Tale: Innocence“ oder „Noah“, sondern auch allen, die sich mal auf einen etwas komplexeren Soundtrack einlassen möchten. Sollte es mit der Filmscore-Karriere von Carolan und Gainsborough hiernach weitergehen, wäre ich jedenfalls erfreut, aber falls dies ein „One-and-Done“-Fall ist, so würde das diesen Score nur umso besonderer machen – und wer weiß, vielleicht ist sogar eine Oscar-Nominierung drin? Diesem Score würde ich es durchaus gönnen!

Trackliste mit Längenangabe & Anspieltipps:

  1. Approaching Hrafnsey – 1:41
  2. The King – 1:58
  3. Entering the Temple – 1:55
  4. Last Teardrop – 3:36
  5. Blood Tree, Part 1 – 1:34
  6. Strike, Brother – 2:52
  7. Escape – 2:20
  8. I Will Avenge You, Father – 0:45
  9. The Land of the Rus – 1:42
  10. A Burning Barn – 1:25
  11. Seeress – 3:25
  12. Raven’s Omen – 2:23
  13. Storm at Sea / Yggdrasill – 1:47
  14. Iceland – 1:22
  15. I Will Save You, Mother – 1:55
  16. Slave Work – 0:57
  17. Guðrun – 0:55
  18. Follow the Vixen’s Tail – 1:43
  19. He-Witch – 2:30
  20. Draugr – 1:01
  21. Mound Dweller – 2:55
  22. To the Games – 0:43
  23. Birch Woods – 1:55
  24. First of Many – 1:22
  25. Trollish Sorcery – 2:14
  26. Svið Night, Part 1 – 1:33
  27. Svið Night, Part 2 – 1:43
  28. I Am Your Death – 0:56
  29. Come Morning – 1:36
  30. I Am His Vengeance – 1:19
  31. Óðinn – 1:02
  32. Valkyrie – 1:10
  33. Vestrahorn – 0:40
  34. Hidden Valley – 1:04
  35. Blood Tree, Part 2 – 0:41
  36. Bloð Inside / I Choose Both – 2:10
  37. A Maiden King – 1:09
  38. The Wolf Has Grown – 2:27
  39. The Gates of Hel / Slain by Iron – 2:47
  40. Hekla – 2:12
  41. Cut the Thread of Fate – 1:13
  42. Make Your Passage / Valhalla – 1:36
  43. Ættartré / End Credits – 2:28

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