Inferno – Hans Zimmer

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Musik komponiert und produziert von
Hans Zimmer
Dirigiert von
Johannes Vogel
Orchestriert von
Òscar Senén & Joan Martorell
Ergänzende Musik von
Steve Mazzaro, Andrew Kawczynski,
Richard Harvey,
Michael Tuller
& Paul Mounsey

Violinen-Soli von
Aleksey Igudesman
Cello-Soli von
Tristan Schulze

Was auch immer man von den Filmversionen der Dan Brown-Bücher „The Da Vinci Code“ und „Angels & Demons“ halten mag (ich persönlich finde keinen besonders gelungen, mag aber immerhin das Grundkonzept und einen Teil der Schauspieler), so kann keiner bestreiten, dass sie Hans Zimmer zu zwei der besten Kompositionen seiner Karriere inspirierten. „The Da Vinci Code“ funktionierte nicht nur als tolle Untermalung des Films, sondern auch als ausschweifende Konzert-Suite auf CD, wohingegen „Angels & Demons“ wortwörtlich die treibende Kraft hinter dem Leinwand-Geschehen war und sakral-krachende Action mit großartigem Chor vom Feinsten aufbot. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an den Score von „Inferno“, dem dritten Teil der Ron Howard-Tom Hanks-Dan Brown-Reihe, welcher als Film beinahe auf jeder Linie versagte mit seinem nervigen Schnitt-Gewitter, langweiliger Handlung und unfreiwillig komischen Höllen-Visionen sowie einem offensichtlichen Desinteresse am Projekt, was Cast und Crew betraf. Doch all dies hätte von einem ambitionierten Soundtrack wenigstens erträglicher gemacht werden können. Aber was Hans Zimmer hier abliefert, passt sich exakt dem Niveau des Films an und ist nichts anderes als unverholene Arbeitsverweigerung!

Zuerst möchte ich anmerken, dass ich grundsätzlich nicht gegen reine Elektro-Scores bin, selbst, wenn diese kaum Themen zu bieten haben. Viele Synthie-Werke aus den 70ern und 80ern sind heute ebenso hörenswert wie damals und von erst kürzlich erschienenen Scores konnten mich beispielsweise Paul Leonard-Morgans „Dredd“ und sogar Hans Zimmers „Chappie“ überzeugen. Letzterer ist ein guter Anhaltspunkt, zu beschreiben, wie „Inferno“ klingt: Stellt euch „Chappie“ vor, löscht all die Kreativität und den Spaß daraus, welchen Zimmer offensichtlich mit der Arbeit daran hatte und addiert die schlimmsten Momente aus „Batman v Superman“ dazu, gepaart mit einer gehörigen Portion Lustlosigkeit. Die wenigen Lichtblicke des Albums sind die Momente, in denen das „Chevaliers de Sangreal“-Thema relativ unverändert erklingt, welches als eine Art Leit-Motiv für die Hauptfigur Robert Langdon fungiert. Dieses Stück kommt vor allem in “Life Must Have It’s Mysteries” prominent zum Einsatz und gleicht im Prinzip demjenigen aus “The Da Vinci Code” bis aufs Haar, wenn man einmal von einer dünneren Orchestrierung und einer stärkeren Betonung auf Synthesizer absieht und dies ist auch die einzige Stelle, an welcher der Score der Größe der Vorgänger am nächsten kommt. Eine in den Akkorden leicht veränderte Version des “Chevaliers”-Themas zieht sich jedoch durch das ganze Album, oft in langgezogener elektronischer Form, die auf Geheimnis und Grusel getrimmt ist, zu hören etwa in Titel 1, 2, die Unterstimme in “Professor”, etwas deftiger in “Venice” und “Vayentha”, schwach in “Doing Nothing Terrifies Me” und auch Titel 13 und “Elizabeth” sowie “The Logic Of Tyrants” lassen das Thema erklingen und geben der Musik so wenigstens ein Minimum an Richtung und Orientierungshilfe. Neu ist ein melancholisches Klavier-Stück, welches in “Venice” vorgestellt wird und auch in “Elizabeth” und “Life Must Have It’s Mysteries” vorkommt.

Der Rest ist größtenteils – und es gibt keinen besseren Ausdruck dafür – ein elektronischer Albtraum. Gleich von Anfang an – “Maybe Pain Can Save Us” – treibt das Album dem Hörer den Gedanken an die Stop-Taste ins Gehirn. Eine quietschige, wabernde, Tinitus-verdächtige langgestreckte Version des Main Themes wird bei 1:06 von einem Sound abgelöst, der klingt, als würde jemand mit einem Hammer schnell auf einen Stein kloppen. “Cerca Trova” ist eine exakte Kopie der Stilistik von “Chappie”, also aggressive, dröhnende Synthesizer und elektronisch hämmernde Percussion-Loops, was in “I’m Feeling A Tad Vulnerable” etwas besser alterniert wird, bis es beinahe nach 8-Bit klingt und auch ein wenig nach Trevor Rabins “National Treasure”-Scores. “Seek And Find” bietet unerträgliches Kreischen, welches klingt, als würde man direkt neben einer Baustelle stehen, unterstützt von Poltern, Pushen, Stampfen, Dröhnen und auch kurz gruseligem Glockenspiel (oder Klavier, es ist nicht zu erkennen). Genauso grässlich ist “Via Dolorosa #12 Apartment 3C” mit etwas, das klingt wie ein Windspiel, dies ist einer der wenigen Momente, wo Männer-Chor zum Einsatz kommt und dem Track wenigstens einen Hauch von Gravitas verleiht. “Vayentha” präsentiert pulsierende, immer lauter werdende Töne und bei 2:56 ein Geräusch, das klingt, als hätte Optimus Prime gerade “Autobots: Transformiert euch!” gerufen, welches in “The Logic Of Tyrants” wiederkehrt, passenderweise zusammen mit etwas, das sich wie eine Autohupe anhört (oder wie eine Vuvuzela). “The Cistern” ist “Batman v Superman” sehr ähnlich und gegen Ende eine nahezu 1:1-Kopie von “Inception”. “Beauty Awakens The Soul To Act” bietet mit einem tatsächlich sehr schönen Violinen-Solo ein wenig Ruhe vor dem Lärm, wobei auch Chorstimmen helfen. Des öfteren wird die Qual von solchen Momenten durchbrochen, seien es das schon erwähnte Klavier oder auch hier und da hübsche Streicher-Einlagen oder ein schwaches Chor-Statement.

Fazit:

Ich hätte nicht gedacht, dass Hans Zimmer sich dieses Jahr nach “Batman v Superman” noch unterbieten könnte, aber er hat es mit “Inferno” geschafft: Die einzigen erträglichen Parts sind die, die eigentlich nur aus den Scores der Vorgänger übernommen wurden sowie einige Solo-Instrumente, der Rest ist grausiges Gewaber, Gepolter, Geziepe, Gefiepe, viel Dröhnen und Quietschen, Kreischen und Rauschen. Das ist keine Musik, das ist Anti-Musik, dazu geschaffen, um alle andere Musik zu vernichten. Wenn Hans Zimmer eine musikalische Version davon kreieren wollte, wie Dante sich die Hölle vorstellte, dann hat er dies zwar in jedweder Hinsicht geschafft, aber ein guter Score ist ihm damit nicht gelungen. Wie man die Hölle und deren Vorboten und Visionen toll und unterhaltsam musikalisch darstellen kann, hat zum Beispiel Christopher Young mit “Drag Me To Hell” eindrucksvoll bewiesen. Das hier ist unhörbarer Krach und pure Ohrenvergewaltigung, die nicht einmal im Kontext des Films zu überzeugen weiß. Ein derartiger Verriss verdient meine bisher niedrigste Wertung von 0,5/5 Punkten mit dem ehrlichen und gut gemeinten Rat, von dieser Ausgeburt der Unterwelt die Finger zu lassen und stattdessen ganz schnell “The Da Vinci Code” und “Angels & Demons” in den Player zu befördern, um sich in Erinnerung zu rufen, wie großartig Hans Zimmer einmal war… und hoffen wir, dass er es so schnell wie möglich wieder sein wird. Wer noch ein bisschen mehr Erinnerungshilfe braucht, der sollte sich diese schöne Top Ten angucken, mit den dort aufgelisteten Scores ist man auf der sicheren Seite!

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Maybe Pain Can Save Us – 3:03

  2. Cerca Trova – 3:18

  3. I’m Feeling A Tad Vulnerable – 2:08

  4. Seek And Find – 2:04

  5. Professor – 4:27

  6. Venice – 5:44

  7. Via Dolorosa #12 Apartment 3C – 4:21

  8. Vayentha – 4:38

  9. Remove Langdon – 3:17

  10. Doing Nothing Terrifies Me – 3:25

  11. A Minute To Midnight – 1:53

  12. The Cistern – 6:44

  13. Beauty Awakens The Soul To Act – 5:58

  14. Elizabeth – 4:33

  15. The Logic Of Tyrants – 5:07

  16. Life Must Have It’s Mysteries – 3:55

  17. Our Own Hell On Earth – 6:20


2 Gedanken zu “Inferno – Hans Zimmer

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