Wonder Woman – Rupert Gregson-Williams

Wonder Woman (Original Motion Picture Soundtrack)

Musik komponiert und produziert von
Rupert Gregson-Williams
Dirigiert von
Alastair King
Orchestriert von
Rupert Gregson-Williams & Alastair King
Ergänzende Musik von
Andrew Kawczynski, Tom Howe,
Evan Jolly & Paul Mounsey
„Wonder Woman Battle-Cry“ komponiert von
Hans Zimmer & Tom Holkenborg
Elektro-Cello:
Tina Guo
Solo-Cello:
Peter Gregson

Oft kann sich ein Komponist glücklich schätzen, wenn er in eine bestimmte Schublade gesteckt wird, was Filmgenres angeht. John Powell etwa ist inzwischen der ungekrönte König der Animationsfilm-Vertonung, Ramin Djawadi wird neuerdings bevorzugt im Bereich Fantasy/Action angeheuert und deren Kollege Harry Gregson-Williams mag die Abwechslung und komponiert mal für Drama, mal für Action, für Fantasy und auch Animation. Die Schublade seines Bruders ist jedoch eine, für die man niemanden beglückwünschen kann: Viele Jahre lang ist Rupert Gregson-Williams der Stammkomponist von Adam Sandler und dessen Produktions-Firma Happy Madison gewesen, welche für einige der furchtbarsten „Komödien“ der letzten Dekade verantwortlich ist („Grown Ups“, „Zookeeper“ und „Jack and Jill“, um nur ein paar zu nennen). Diese Verbrechen am guten Geschmack tun Gregson-Williams´ Reputation keinen Gefallen, aber er hat auch hin und wieder Glück mit seinen Filmen: „Bee Movie“, „Over the Hedge“ und „Winter´s Tale“ (letzterer zusammen mit Hans Zimmer, seinem Lehrmeister) sind zwar nicht alles perfekte Filme, aber mit ihnen konnte Gregson-Williams viel eher beweisen, dass er durchaus talentiert ist. Seit Adam Sandler vor kurzem zu Netflix gewechselt hat und nun viel billiger produziert, konnte Rupert Gregson-Williams endlich entkommen und seit 2016 hat er einige größere Arbeiten abgeliefert, die sein Talent viel eher zum Ausdruck bringen konnten: “Legend of Tarzan” und “Hacksaw Ridge”, beide dramatisch, beide auf unterschiedliche Art gelungen.

Ich hatte gemischte Reaktionen zu den bisherigen Scores des DCEU: “Man of Steel” ist ein echter Guilty-Pleasure-Fall für mich (gibt musikalisch nicht viel her, aber ich mag die Rhythmik und den Klang größtenteils sehr), “Batman v Superman” war einer der schlechtesten Scores 2016 (mit einigen Lichtblicken hier und da) und Steven Price’s “Suidice Squad” hatte gute Ansätze, die jedoch nicht im mindesten weiterentwickelt wurden. Als Rupert Gregson-Williams für “Wonder Woman” ausgewählt wurde, war ich gleichzeitig erfreut und enttäuscht: Erfreut, weil ich ihm einen großen, zugkräftigen Film von ganzem Herzen gönnte und ich wusste, dass er das Zeug dazu hatte, einen guten Score für das Projekt zu schreiben, aber enttäuscht deswegen, weil damit die große Chance vertan wurde, endlich mal einem weiblichen Komponisten in die Welt der Blockbuster zu verhelfen, was heutzutage immer noch extrem selten vorkommt, wenn überhaupt. Debbie Wiseman wäre meine persönliche Favoritin gewesen, aber es wäre auch interessant zu hören, was Rachel Portman mit einem Action-Score diesen Ausmaßes angestellt hätte. Sei es, wie es sei, Gregson-Williams bekam den Zuschlag und obwohl das volle Potential nicht gänzlich ausgenutzt wurde, so ist das Ergebnis dennoch der beste DCEU-Score bisher.

Viel Spekulation wurde im Vorfeld betrieben, ob der – wie ich ihn nenne – “Wonder Woman Battle-Cry” aus “Batman v Superman” wiederverwendet werden würde, da dieser durch seine Erinnerungswürdigkeit aus dem Rest des Zimmer/Holkenborg-Scores herausstach. Diese Musik untermalte bereits die Trailer, was einige begrüßten, andere jedoch ablehnten. Tatsächlich hat es das deftige Action-Motiv in den Film geschafft, wobei es jedoch viel besser eingesetzt wird, als es in “BvS” der Fall war, wo es im Prinzip nur dazu diente, Wonder Womans ersten Auftritt in einen kalkulierten Fangasm-Moment zu verwandeln, was kläglich scheiterte. In “Wonder Woman” wird die vollständige Phrase – da es kein Thema im eigentlichen Sinne ist, hat es eben den Spitznamen “Battle-Cry” bekommen – zwar auch immer dann eingesetzt, wenn innerhalb der Action ein besonders großer Moment geschieht, aber diesem geht auch immer eine gewisse Entwicklung voraus, Augenblicke der Vorbereitung und des Wappnens. So fühlen sich diese Stellen in der Musik viel verdienter an und kommen nicht plötzlich aus dem Nichts. Tatsächlich bildet es den Anfang von “Amazons Of Themyscira”, hier noch leise, in “No Man’s Land” taucht es dann schließlich vollständig mit Tina Guos Elektro-Cello bei 3:07 auf, allerdings deutlich orchestraler als in “BvS”. Einige leise Statements gibt es außerdem in “Fausta”, laut und deftig ist es in “Wonder Woman’s Wrath” zu hören, die Unterstimme kommt ab 2:58 in “Lightning Strikes” vor und das Motiv bildet den Ausklang von “Trafalgar Celebration”. Insgesamt setzt es Gregson-Williams angemessen ein und wahrt damit thematische Kontinuität, ohne dass sein eigenes Material davon überschattet wird.

Was den eigentlichen Original-Score angeht, so stellt man schnell fest, dass die Musik viel klassisch-orchestraler angelegt ist und stilistisch eine Rückkehr zu den Remote-Control-Scores der späten 1990er und frühen 2000er bildet. Soundtracks wie Hans Zimmers “King Arthur”, “Muppet Treasure Island”, “The Last Samurai” und sogar “The Da Vinci Code” kommen dem Hörer automatisch bei bestimmten Passagen in den Sinn, aber gerade das Haupt-Thema für den Titel-Charakter klingt wie eine erweiterte Version des “Tarzan”-Themas aus Gregson-Williams‘ 2016er-Werk. So ist der erste Track im Prinzip eine Suite für die Amazonen und entsprechend nobel erklingen Hörner, Streicher, Flöten und Schlagwerk, größtenteils ruhig, gegen Ende etwas schneller. Auch Chor wird eingesetzt und die Unterstimme des “Battle-Cry” kommt bei 5:42 zum Einsatz. Das eigentliche Hauptthema erklingt ab 2:23 zum ersten Mal und wird in “Angel on the Wing”, “Pain, Loss & Love” sowie in “No Man’s Land” entsprechend variiert. Es ist eine ehrwürdige, aufsteigende Melodie, welche sowohl Dianas allmähliche Helden-Werdung als auch ihre königliche Herkunft sehr passend zum Ausdruck bringen. Es wird sogar mit dem “BvS”-Material verwoben, halbwegs gut zu hören in “No Man’s Land” ab 4:10 und auch in “Wonder Woman’s Wrath”. Aber auch in der zweiten Hälfte von “Lightning Strikes” und “Trafalgar Celebration” kommt es vor, je nach Situation entweder zurückhaltend oder entsprechend deftig. Der Soldat Steve Trevor hat ebenfalls ein eigenes Thema, welches auch im ersten Titel bei 1:53 vorgestellt wird und außerdem in “No Man’s Land” (2:26), “We Are All to Blame”, sehr emotional in “Hell hath No Fury” und etwas ruhiger in “Trafalgar Celebration”, meistens mit Hörnern im angemessen altmodischen Stil gespielt.

Das Material für die Schurken ist auf die Titel “Ludendorff, Enough!”, “Fausta” und “God of War” verteilt, in den ersten beiden Fällen leicht dissonant, düster und unterschwellig, mit einem langsamen Marsch nach ungefähr 2 Minuten, ab 3:23 listig mit Holzbläsern und Streichern, im letzten Viertel von “Fausta” Männerchor und tiefe Blechbläser. Die finsteren Chor-Stimmen ab 1:00 in “God of War” sind dabei garantiert ein weiters Bösewicht-Motiv, dessen Kontext ich hier jedoch nicht verraten möchte. Ab 5:44 ist der Track deftig und laut, klackernd-krachende Percussion und volles Orchester vermischen sich mit dem Chor, absolut wundervoll, aber der “The Dark Knight”-Trilogie überraschend ähnlich.

Der Score ist natürlich nicht arm an Action, besonders “No Man’s Land”, “Wonder Woman’s Wrath” und “Lightning Strikes” stechen hier heraus. Den krassen Gegensatz zum Rest des Scores bildet dabei “Action Reaction”, welcher sich stilistisch am ehesten am Werk Zimmers und Holkenborgs orientiert und den Abspann untermalt. Es gibt viel mehr Elektronik-Unterstützung und von allen Titeln ist er “BvS” am ähnlichsten – aber dennoch viel besser. Die Unterstimme, die sich durch fast den ganzen Track zieht, hat einige Ähnlichkeiten mit der des Battle-Cry, aber ist dennoch etwas eigenes, erinnert teilweise sogar an den “Terminator”. Die Streicher sind wahnsinnig schnell und die Percussion sowie das Elektro-Hämmern extrem aggressiv, wobei es hier und da mal wieder in “Fury Road”-Territorium abdriftet, wenn bei 2:47 die inzwischen altbekannten abfallenden Streicher-Figuren auftauchen. Bei 3:11 kommen sehr dröhnende Blechbläser und stampfende Rhythmen zum Einsatz, welche garantiert den Schrecken des Ersten Weltkrieges symbolisieren sollen. Natürlich hebt sich der Titel vom übrigen Album ab, aber er passt sehr gut zum Abspann und ist für sich genommen ein eindrucksvoller, wirksamer Track.

Ein großes Problem des Scores – so gut er auch im Kontext des Films funktioniert – ist sein trotz allem sehr generischer Klang. Fast bei jedem Motiv meint man, dieses schon einmal woanders gehört zu haben, das Trevor-Material etwa klingt nach “The Last Samurai”, “We Are All To Blame” ist quasi eine Alternativ-Version des Titels “Time” aus “Inception” und egal ob es ruhig oder rasant ist, nie klingt es wirklich originär. Höchstwahrscheinlich war hier der Temp-Track hinderlich. Dies darf man natürlich nicht Gregson-Williams allein anlasten, aber es ist schon schade, dass der Musik ein klares Alleinstellungs-Merkmal fehlt. Aber ich muss schon sagen, dass mir ein eher generischer, aber dafür melodiöser Orchester-Score tausendmal lieber ist als das Dröhnen und Fiepen, was bisher im DCEU als Musik durchging. Es werden unter anderem Glockenspiel, Frauenchor, Duduk und Solo-Cello eingesetzt, um “Wonder Woman” so weit wie möglich von dieser Art Output abzugrenzen und Diana und ihrer Welt eine eigene Identität zu geben.

Fazit:

Rupert Gregson-Williams‘ Score mag generisch sein und allgemein nicht viel neues vorweisen, aber gemessen an der bisherigen Musik des DC-Kino-Universums wurde ein gewaltiger Schritt nach vorne gemacht. Die Themen sind klar erkennbar, die Musik ist gut strukturiert und das Album besitzt keinen Leerlauf (wenn man von dem Sia-Song absieht). Allerdings enthält das Album lange nicht alles, was der Film selbst an Musik zu bieten hatte (in der Szene, in welcher man zum ersten Mal London sieht, hörte man deutlich ein Stück, dass an “Sherlock Holmes” erinnerte, außerdem fehlen die charmanten komödiantischen Einlagen aus Dianas “Fish Out Of Water”-Szenen). Das ist zwar enttäuschend, aber angesichts des restlichen Materials halbwegs verschmerzbar. 3,5/5 Punkte sind da absolut angebracht mit der Hoffnung, dass “Wonder Woman” nicht nur vom Film, sondern auch von der Musik her ein Startschuss für bessere DC-Werke sein wird – und bedenkt man die Tatsache, dass Danny Elfman nun für “Justice League” komponiert, darf man da durchaus optimistisch sein!

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Amazons Of Themyscira – 6:48

  2. History Lesson – 5:16

  3. Angel On The Wing – 3:45

  4. Ludendorff, Enough! – 7:38

  5. Pain, Loss & Love – 5:28

  6. No Man’s Land – 8:53

  7. Fausta – 3:20

  8. Wonder Woman’s Wrath – 4:06

  9. The God Of War – 8:02

  10. We Are All To Blame – 3:11

  11. Hell Hath No Fury – 3:59

  12. Lightning Strikes – 3:35

  13. Trafalgar Celebration – 4:50

  14. Action Reaction – 5:54

  15. To Be Human (Sia feat. Labrinth) – 4:01

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2 Gedanken zu “Wonder Woman – Rupert Gregson-Williams

  1. Ist doch schön, dass es nach dem BvS-Tiefpunkt sowohl filmisch als auch musikalisch aufwärts geht. Ich ziehe einen etwas generischen, aber unterhaltsamen RCP-Score wie diesen einem unhörbaren Sounddesign-Konglomerat allemal vor. Ich hoffe, dieser Trend setzt sich auch nach „Justice League“ fort.

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