The Last Duel – Harry Gregson-Williams

Last Duel

Musik komponiert, dirigiert
& Produziert von
Harry Gregson-Williams
Orchestriert von
Alastair King & Stephen Barton
Ergänzende Musik & Arrangements von
Richard Harvey & Ho Ling Tang

Mit „The Last Duel“ kehrt Ridley Scott, 11 Jahre nach “Robin Hood”, wieder zum Monumentalfilm zurück – ein Feld, in welchem sich der Erfolgsregisseur wohlzufühlen scheint, was auch Filme wie „Gladiator“ und „Kingdom of Heaven“ gezeigt haben. Wer jedoch ein bildgewaltiges Schlachtengemälde sucht, wird wahrscheinlich eher enttäuscht sein, denn Action gibt es vergleichsweise wenig. Stattdessen ist „The Last Duel“ ein durchaus ernstes und düsteres Historiendrama über Neid, Begierde und Ungerechtigkeit – letzteres ist vor allem ein großes Thema, wenn es um Frauen geht. Basierend auf einer wahren Geschichte, zeigt der Film ziemlich schonungslos, wie beklemmend und traumatisierend sich eine derartige Schandtat auf eine Frau auswirkt – und wie vollkommen hanebüchen der Umgang der männlich dominierten Gesellschaft damit ist und war, ganz besonders im Mittelalter. Gerade in der MeToo-Ära ist dieser Film extrem relevant und alle Beteiligten überzeugen mit ihren Performances, allen voran Jodie Comer, Adam Driver und Matt Damon, wobei Ben Affleck teilweise humorvolle, aber auch diabolische Akzente setzt. Die zunächst etwas verwirrende Struktur erweist sich, je weiter der Film voranschreitet, dabei auch als interessante Erfahrung, welche der Geschichte noch einige besondere Nuancen hinzufügt, welche bei einer linearen Erzählweise nicht zum Tragen kommen würden. Und wenn es doch zu Kampf- und Gewaltszenen kommt, so sind diese äußerst deftig und brutal in Szene gesetzt, wobei das titelgebende Duell das definitive Highlight ist.

Ridley Scotts Umgang mit Musik in seinen Filmen war von Zeit zu Zeit schwierig – gelinde ausgedrückt. Wir reden hier von dem Mann, der gern Tracks aus anderen Filmen für seine eigenen lizensiert oder andere Komponisten zusätzliches Material schreiben lässt, wenn der ursprünglich gewählte Komponist seine Erwartungen nicht erfüllt. Erst vor ein paar Jahren verließ Harry Gregson-Williams „Alien: Covenant“ aufgrund von Differenzen, welche die benötigte Zeit für die Musik betrafen. Ich hatte fest damit gerechnet, dass Scott somit einen weiteren Komponisten vergrault hatte, aber nein, Gregson-Williams kehrte für „The Last Duel“ zu Scott zurück und ist auch für „House of Gucci“ vorgesehen. Dies markiert das dritte Mal, dass Harry Gregson-Williams einen vollständigen Film für Scott vertont („Kingdom of Heaven“, „The Martian“) und die fünfte Zusammenarbeit insgesamt, da er auch ergänzende Musik zu „Prometheus“ und „Exodus“ beisteuerte. Es ist kein Geheimnis, dass ich ein großer Fan des britischen Komponisten bin – entsprechend wurde dieser Score von mir mit Spannung erwartet. Und ich wurde nicht enttäuscht.

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Zunächst könnte man „The Last Duel“ für einen monothematischen Score halten, denn das Hauptthema ist sehr prominent vertreten: es eröffnet „Duel Preparations“ und charakterisiert als traurige, aber auch hoffnungsvolle Melodie Jodie Comers Marguerite, hier mit französischem Gesang von Grace Davidson, einer britischen Sopranistin, welche sich auf Barockmusik spezialisiert hat und auch schon an anderen Filmen beteiligt war, zum Beispiel Howard Shores „The Hobbit: The Desolation of Smaug“ und auch dem diesjährigen „Gunpowder Milkshake“ von Frank Ilfman. Richtig zum Tragen kommt das Thema erstmalig in „Marguerite de Carrouges“, abermals mit Davidsons Gesang. Diese Melodie wird jedoch in der zweiten Hälfte von einem neuen Thema abgelöst, demjenigen ihres Ehemannes Jean de Carrouges, auf etwas dunkleren Streichern und Dulcimer, bevor dieses in einer kräftigeren Version erklingt, inklusive Percussion und Flöte.

Wovon ich positiv überrascht war, ist die Tatsache, wie authentisch „The Last Duel“ mitunter klingt. Sicher, hier und dort scheinen leichte Synth-Elemente zum Einsatz zu kommen, aber Harry Gregson-Williams bemüht sich ansonsten oft um eine angemessene Instrumentierung, um das Mittelalter der Normandie musikalisch aufleben zu lassen. Am stärksten ist dies in „Returning Home“ der Fall, wo das Hauptthema sehr fröhlich mit Lauten, Gitarren, Streichern, Flöten und „Hey! Ho! Huh!“-Männerchor variiert wird – und täusche ich mich, oder ist das eine Schalmei zu Beginn? Es ist lange her, dass ich dieses Instrument in einem großen Blockbuster-Score gehört habe. „Jean de Carrouges“ bietet eine Version seines Themas auf, welches so klingt, wie er sich vermutlich selbst sieht – mit Streichern, Percussion, Holz- und Blechbläsern flott, erhaben und dank des Chores mit epischem Touch. Nach einem fast schon grimmig-entschlossenen Orgel-Beginn in „Managing the Estate“ geht der Titel nach einem kurzen Chor-Einsatz in mehrere schöne Statements des Hauptthemas über, gespielt auf Fideln, Laute, Gitarre, Holzbläsern und Dulcimer.

Last Duel

Was im Score ebenfalls eine große Rolle spielt, ist sakral anmutender Chor: in „Leaving For Scotland“ klingt dieser wie eine Fortsetzung der Ideen aus „Kingdom of Heaven“, in „Court of King Charles“ ertönt er etwas bedrohlicher mit hallenden Streichern und dumpfen Percussion“, der Gesang in „The Wolves“ klingt geisterhaft und unheimlich und „Confrontation“ lässt beinahe schon aggressive Orgel mit grimmigem Chor kurz, aber überwältigend zum Einsatz kommen.

Andere schöne Titel sind „I’ve Never Seen You Like This“ mit sanftem Gesang, Gitarre und Laute, „House Meeting“ mit altertümlichen, rauen und tragischen Streichern und Harfe sowie „Chapter 3“, wo wir eine weitere Version des Carrouges-Themas hören, mit Streichern, Chor, Lauten, Gitarren, Percussion, Harfe und Flöte, erst etwas ausschweifender, dann sanfter. Dieser Track ist Harry Gregson-Williams pur und klingt, als wäre er einem der „Narnia“-Scores entsprungen. „I Offer You A Name“ bietet eine neue, traurige Version des Hauptthemas auf, erst noch etwas zurückhaltender, dann unter Zuhilfenahme von Percussion und Streichern kräftiger, bevor es wieder leiser und tragischer wird, mit anschließender Chor- und Orgel-Version. Auch in „Left Alone“ wird eine Variation des Marguerite-Themas gespielt, unsicher, zittrig, mit Streichern, Gitarren, Percussion und ein klein wenig Gesang.

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So ziemlich alles, was mit Adam Drivers Jacques LeGris zu tun hat, klingt wie für einen mittelalterlichen Horrorfilm komponiert: im gleichnamigen Titel hören wir erstmals sehr gruselige Chorstimmen, welche an die „Silent Hill“-Sirene erinnert, abgelöst von martialischen Trommeln und einer nahezu entstellten Version des Hauptthemas auf Dulcimer. Diese sirenenartigen Stimmen kehren in „Forgive Me For Intruding“ zurück, unheimlicher denn je, unterlegt mit sehr wirkungsvollen, tiefen Horror-Klängen. „Tell No One“ ist mit teils wortlosem, teils lateinischem Klage-Gesang ebenfalls düster. „Duel Preparations“ und „The Duel“ klingen sehr bedrohlich, mit fremdartigem Wabern, hallenden Percussion und tiefen Streichern, wobei Chor und Orgel an Hans Zimmers „The Da Vinci Code“ und „Angels & Demons“ erinnern. In „The Duel“ wird diese Stimmung von dem LeGris-Sirenen-Gesang abgelöst, welcher sich immer weiter steigert und schließlich abebbt.

Die letzten beiden Tracks gehören zu den Highlights des Scores: den Chorälen und Streichern in „The Aftermath“ haftet wieder etwas sakrales und durchaus triumphierendes an, gemischt mit einer eher traurigen Variation des Carrouges-Themas. Die klagende Solo-Stimme und der eher düstere Unterbau zeigen uns jedoch, dass dies kein vollständiger Sieg ist, was auch ein entsprechendes Statement des Hauptthemas noch untermauert – eher grimmig und voller Bedauern. Diese Stimmung wird jedoch in „Celui Que Je Désire“ („Der, den ich begehre) aufgelöst, denn hier erklingt das Hauptthema in vollständiger Liedform, wozu Harry Gregson-Williams auch den Text beisteuerte. Vorgetragen von Grace Davidson auf Französisch, klingt der Track erlösend und zutiefst bewegend. Die zeitgenössischen Instrumente verbinden sich mit den für den Komponisten typischen Orchestrierungen und harmonieren großartig mit Davidsons Gesang, ganz besonders die Blechbläser bei 2:10. Ein berührendes und wunderschönes Stück, welches das Album genauso enden lässt, wie es begann.

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Fazit:

Harry Gregson-Williams wird als Komponist des Öfteren unterschätzt, denn viele denken bei ihm stets an sehr synthlastige Thriller-Scores, die er für Regisseure wie Antoine Fuqua oder den verstorbenen Tony Scott ablieferte. Doch auch abseits seiner munteren Animationsfilm- und epischen Fantasy-Arbeiten hat der Brite ein ausgeprägtes Gespür für Themen. Scores wie „The Last Duel“ zeigen seine Reife und sein Talent, wenn es um Melodien, deren Entwicklung und abwechslungsreiche Arrangements geht. Arbeiten wie diese sind mitunter der Grund, warum ich mich immer wieder auf ein neues Album von ihm freue, und dieses gehört zu seinen besten Soundtracks seit langem. Mit seinem gefühlvollen und vielseitig variierten Hauptthema, den lauernden Spannungs-Momenten, dem großen Chor-Anteil und der authentischen Instrumentierung ist dies ein 4/5 Punkte-Score, welcher mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Duel Preparations – 3:36
  2. Leaving for Scotland – 2:42
  3. Marguerite de Carrouges – 2:18
  4. Returning Home – 1:14
  5. Jean de Carrouges – 1:18
  6. Managing the Estate – 2:23
  7. Court of King Charles – 0:56
  8. The Wolves – 2:33
  9. Confrontation – 0:37
  10. Jacques LeGris – 1:13
  11. I’ve never Seen You Like This – 1:12
  12. Confession – 2:16
  13. I Offer You a Name – 3:28
  14. House Meeting – 0:58
  15. Chapter 3 – 1:11
  16. Left Alone – 1:17
  17. Forgive Me for Intruding – 1:27
  18. Tell No One – 2:28
  19. The Duel – 5:12
  20. The Aftermath – 3:08
  21. Celui Que Je Désire (Grace Davidson) – 3:49


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