Spider-Man: No Way Home – Michael Giacchino

Spider-Man No Way HomeMusik komponiert & Produziert von
Michael Giacchino
Weitere Themen komponiert von
Danny Elfman & James Horner
Dirigiert von
Marshall Bowen
Orchestriert von
Jeff Kryka & Curtis Green
Ergänzende Musik von

Griffith Giacchino & Curtis Green

Achtung: Diese Review enthält Spoiler. Wer den Film möglichst ohne Vorwissen schauen möchte, sollte mit dem Lesen bis nach der Sichtung warten.

Einer der meistgehypten Filme des Jahres, welcher dann auch noch in Rekordzeit über 1 Milliarde Dollar einspielte, und das auch noch während einer Pandemie – die Erwartungen an „Spider-Man: No Way Home“ waren astronomisch hoch und wurden, zumindest, wenn es nach vielen Fans geht, wohl größtenteils erfüllt. Ich meinerseits wäre mit einer eigenständigeren Story, welche sich nicht so sehr auf einfachstes Nostalgie-Baiting verlässt, zwar sehr viel glücklicher gewesen, aber der Film funktioniert größtenteils dennoch als eine spaßige Achterbahn-Fahrt, welche den dritten Teil der Tom Holland-Trilogie mit dem Abfeiern der Legacy des Charakters selbst zumindest halbwegs passend kombiniert. Die Schauspieler sind voll dabei und haben sichtlich Spaß, die Action hat Wucht und die dramatischen sowie humorvollen Momente funktionieren nach wie vor gut, obwohl der Film selbst strukturelle Probleme hat und ziemlich überladen wirkt.

Neben Jon Watts als Regisseur kehrte natürlich auch Michael Giacchino zum Netzschwinger zurück, einer der meistbeschäftigten Komponisten unserer Zeit. Und auf die Gefahr hin, mich hier bei einigen Leser*innen unbeliebt zu machen: genau darin liegt gewissermaßen mein Problem. Michael Giacchino wird jedes Jahr für extrem viele Filme engagiert und war damit bereits an vielen Franchises beteiligt, zu welchen neben Marvel auch „Jurassic World“, „Planet of the Apes“, „Star Wars“, „Pixar“ und demnächst mit „The Batman“ auch DC gehören. Versteht mich nicht falsch, er wird aus gutem Grund für all diese Projekte gebucht, denn er ist ein extrem talentierter und vielseitiger Komponist. Die meisten seiner Werke sind mehr als solide bis ziemlich gut und nicht wenige sogar herausragend! Aber ich kann mir nicht helfen: allmählich fangen seine zahllosen Scores an, mich ein klein wenig zu ermüden. Ein Faktor, der dabei wahrscheinlich eine gewisse Rolle spielt, ist die Tatsache, dass er bereits seit einigen Jahren nicht mehr mit Dirigent/Orchestrator Tim Simonec zusammenarbeitet – ohne dessen unbestreitbaren Einfluss auf den Sound von Giacchinos Musik fehlt seinen Werken seitdem das gewisse… Etwas.

No Way Home 5

Aber genug mit dieser Negativität. Was wir hier haben, ist ein weiterer spaßiger, furioser und angemessen dramatischer Score, welcher neben dem Ohrwurm-Hauptthema noch eine Besonderheit zu bieten hat: aufgrund der Tatsache, dass hier Charaktere aus vorherigen Verfilmungen des Wandkrabblers auftreten, Schurken wie Helden, ergibt es nur Sinn, dass auch deren musikalische Motive ihren Weg in diesen neuen Score finden würden. Allerdings nutzt Giacchino diese Gelegenheit nicht so sehr aus, wie die meisten Hörer vielleicht gehofft haben dürften. Tatsächlich fehlt es der Musik an pompösen Statements der jeweiligen Helden-Themen von Danny Elfman, James Horner und Hans Zimmer + Team, stattdessen baut Giacchino die Melodien nur ab und zu ein und gibt dabei auch noch den Schurken den Vorrang, ganz besonders Alfred Molinas Doc Ock, dessen Thema aus „Spider-Man 2“ ausführlich in „Otto Trouble“ eingearbeitet wird und auch in „Strange Bedfellows“, „No Good Deed“ und „Arc Reactor“ auftaucht. Die Variationen sind dabei mal etwas offensichtlicher, mal ein wenig subtiler, fügen sich aber immer sehr passend und teilweise auch sehr clever arrangiert in die Musik ein. Noch sehr viel sparsamer geht Giacchino mit dem Green Goblin-Thema um, welches ein relativ deutliches Statement zu Beginn von „Arc Reactor“ erfährt. „Shield of Pain“ schließlich lässt bei 1:14 zunächst eine schöne, leiste Version des James Horner-Spidey-Themas aus „The Amazing Spider-Man“ erklingen, im Anschluss das „Great Responsibility“-Thema von Elfman und danach Giacchinos eigenes Spider-Man-Thema. Das Christopher Young-Sandman-Material aus „Spider-Man 3“ und Hans Zimmers Electro-Motiv aus „The Amazing Spider-Man 2“ hört man zwar (angeblich) kurz im Film selbst, aber diese Stellen finden sich nicht auf dem Album. Ich bin mir sicher, dass viele Fans von dieser Art von Zurückhaltung enttäuscht sind, und ein Teil von mir ist es auch irgendwie, aber der Teil, der diesem ganzen Multiverse-Kram sowieso sehr skeptisch gegenübersteht, ist auch gewissermaßen erleichtert.

Der Rest des Scores jedenfalls geizt nicht mit vielen unterhaltsamen Stellen, welche von Giacchinos eigenem Spidey-Thema großzügig Gebrauch machen und sogar einige neue Ideen hinzufügen. Die ersten vier Tracks untermalen die Nachwirkungen der Enthüllung von Peter Parkers Identität, was in „Intro to Fake News“ mit bedrohlichen Pauken und Streichern beginnt, in „World’s Worst Friendly Neighbor“ flotter und schräger wird, in „Damage Control“ eine neue, moderner arrangierte Hauptthemen-Version aufbietet (mit einem Mysterio-Statement in der zweiten Hälfte) und in „Being a Spider Bites“ das Romantik-Material mit Klavier und Harfe willkommenen Raum gibt. In „Gone in a Flash“ wird Giacchinos eigenes Doctor Strange-Thema erstmalig angespielt, welches in „All Spell Breaks Loose“ neu und ausschweifend arrangiert wird, wobei der Titel angemessen chaotisch ausklingt. Mit „Otto Trouble“ beginnt nicht nur die Action, sondern stellt auch eine neue thematische Idee vor, welche den Multiverse-Schurken gewidmet und einigermaßen mit dem Doc Ock-Thema verwandt ist.

No Way Home 1

Überhaupt dominiert die Action viele Titel: „Otto Trouble“, „Ghost Fighter in the Sky / Beach Blanket Bro Down” und “No Good Deed” sind wuchtig, furios und kräftig orchestriert, teilweise mit Anspielungen von bekanntem Material, teilweise frisch und neu. Ob nun quietschende Streicher, Dschungel-artige Percussion, Chant-Chor oder schmetternde Blechbläser, alles wird sehr wirkungsvoll eingesetzt. Nach einem Statement in „Strange Bedfellows“ kehrt das Doctor Strange-Material in „Sling vs Bling“ mit aller Macht zurück und vermischt sich mit dem Spider-Man-Thema – so kreativ hat sich Giacchino schon länger nicht mehr ausgetobt, er geht mit dem Orchester so richtig in die Vollen, wobei vor allem der tönende Chor auf ganzer Linie überzeugt.

Drama und Tragik wird in Titeln wie „Octo Gone“ (hier mischen sich psychedelische Strange-Klänge mit Romantik und gefühlvoller Spider-Variaton), „Exit Through the Lobby“ (offene, sanfte Tragik mit Streichern und Klavier) und „A Doom With a View“ (schöne Streicher-Version des Hauptthemas) verarbeitet, kehrt zu Spidey und Strange in „Spider Baiting“ zurück und geht in „Liberty Parlance“ wieder in Action über. Ab hier wird es wieder schnell und furios, wobei besonders die Chor-gestützten Spidey-Versionen viel Spaß machen. „Monster Smash“, „Arc Reactor“ und „Shield of Pain“ setzen diese Stimmung fort. “Goblin His Inner Demons” ist anfangs düster und bedrohlich, mit einem Stinger in der Mitte und am Ende wieder tragisch, was Peter Parkers wachsende Reife symbolisiert. In „Forget Me Knots“ schließlich wird ausführlich Abschied genommen: die Spidey- und Strange-Themen werden sanft miteinander verwoben und Orchester, Klavier, Harfe und Chor geben sich wirklich alle Mühe, auf die Tränendrüse zu drücken. In „Peter Parker Picked a Perilously Precarious Profession“ wird diese sanfte Tragik noch kurz fortgesetzt, bis das Spider-Man-Thema mit Orchester und Chor den offiziellen Score beendet. „Arachnoverture“ schließlich ist eine Suite mit vielen Highlights, mit mehreren Spidey-Statements, Doctor Strange-Material, Blechbläser- und Chor-Gefahr, ausschweifender Tragik und schließlich wieder flotten Spidey-Klängen mit viel epischem Chor und einer „verstrangeten“ Version am Schluss.

No Way Home 6

Fazit:

Eigentlich alles beim Alten: Michael Giacchino hat ein weiteres Mal gezeigt, warum er in seinem Feld so gefragt ist. Sein Spider-Man-Thema ist so unterhaltsam wie eh und je, die Action-Titel haben Wucht und Tempo und Drama und Tragik sitzen ebenfalls. Die Verarbeitungen der älteren Wandkrabbler-Themen seiner Kollegen ist ein netter Touch, allerdings wurde meiner Meinung nach daraus nicht wirklich genug gemacht, aber darüber lässt sich sicher streiten. Otto-Normal-Zuschauern wird beim Schauen des Films sowieso nichts davon auffallen und nur Hardcore-Fans werden beim Hören des Albums auch wirklich alle Anspielungen entdecken. Aber wie dem auch sei, der Score unterstützt den Film gut (wenn auch zu leise abgemischt) und auf dem Album ist die Musik eine kurzweilige und spaßige Angelegenheit. 3,5/5 Punkte gibt es dafür von mir: nicht mein Lieblings-Spidey-Score (schon gar nicht der beste von Giacchino), aber keinesfalls Zeitverschwendung.

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Intro to Fake News – 1:11
  2. World’s Worst Friendly Neighbor – 0:52
  3. Damage Control – 2:17
  4. Being a Spider Bites – 1:05
  5. Gone in a Flash – 1:53
  6. All Spell Breaks Loose – 3:26
  7. Otto Trouble – 4:20
  8. Ghost Fighter in the Sky / Beach Blanket Bro Down – 2:48
  9. Strange Bedfellows – 1:46
  10. Sling vs Bling – 5:00
  11. Octo Gone – 3:34
  12. No Good Deed – 5.01
  13. Exit Through th Lobby – 4:15
  14. A Doom With a View – 2:01
  15. Spider Baiting – 1:35
  16. Liberty Parlance – 1:29
  17. Monster Smash – 1:22
  18. Arc Reactor – 2:57
  19. Shield of Pain – 4:52
  20. Goblin His Inner Demons – 3:55
  21. Forget Me Knots – 6:49
  22. Peter Parker Picked a Perilously Precarious Profession – 1:32
  23. Arachnoverture – 10:06

2 Gedanken zu “Spider-Man: No Way Home – Michael Giacchino

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