Doctor Strange in the Multiverse of Madness – Danny Elfman

doctor-strange-2Musik komponiert & Produziert von
Danny Elfman
Orchester dirigiert von

Rick Wentworth
Chor dirigiert von

Mark Graham
Orchestriert von

Steve Bartek, Jonathan Beard,
David Slonaker, Edward Trybek,
Henri Wilkinson & Marc Mann
Ergänzende Musik von

Chris Bacon
Original-„Doctor Strange”-Thema komponiert von

Michael Giacchino
„Captain America March” komponiert von

Alan Silvestri
„WandaVision“ komponiert von

Kristen Anderson-Lopez & Robert Lopez
„X-Men ´97 Theme“ komponiert von

Haim Saban & Shuki Levy

Achtung: diese Besprechung enthält leichte Spoiler zum Film. Weiterlesen auf eigene Gefahr.

Der erste „Doctor Strange“ ist zwar ein grundsolider Film, zählt aber nicht zu meinen Lieblingsstreifen des MCU, aufgrund einer zu braven Regie und der Verschwendung einiger der beteiligten Schauspieler. Als ich erfuhr, dass für den zweiten Teil Scott Derrickson durch Sam Raimi ersetzt wurde, war meine Freude entsprechend groß: „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist Raimis erster Film seit „Oz the Great and Powerful“ von 2013 und es ist herrlich erfrischend, seinen Style wieder einmal im Big Budget-Format bewundern zu dürfen. Die Story selbst ist zwar nicht wirklich der Rede wert, weiß die Charaktere dafür jedoch gut zu nutzen und baut diesmal auch Rachel McAdams besser ein. Benedict Cumberbatch glänzt ein weiteres Mal durch Souveränität und Benedict Wong bereichert einfach jeden Film, in dem er auftaucht, aber die Standouts sind ganz klar Elizabeth Olsen, welche ihrer Scarlet Witch angemessen gruseligen Flair verleiht, und Xochitl Gomez als America Chavez, welche von Anfang an sehr liebenswert agiert und ich hoffe, dass sie noch in weiteren MCU-Filmen auftaucht. Zwar wurde Raimi nicht ganz so von der Leine gelassen, wie es sich viele gewünscht hätten, aber er schafft es dennoch, dem Film seinen Stempel aufzudrücken. Bei jeder Anspielung auf seine eigene Filmografie, bei jeder grotesken Idee und bei jedem Jumpscare wurde mein Grinsen ein wenig breiter.

Auch musikalisch gab es einen Wechsel: Michael Giacchino, der Komponist des ersten Films, wich Danny Elfman, welcher seit „Darkman“ bereits mehrere Filme von Raimi vertonte, sich mit diesem während „Spider-Man 2“ jedoch verkrachte und erst für „Oz the Great and Powerful“ zu ihm zurückkehrte. Ich muss hier wahrscheinlich nicht mehr viel über Danny Elfman sagen, Leser*innen dieses Blogs wird inzwischen bekannt sein, dass er zu meinen Lieblingskomponist*innen zählt und ich jedes seiner Werke mit großer Vorfreude erwarte. Nicht anders verhielt es sich mit diesem Score und das Warten hat sich gelohnt! Dies ist zudem nicht seine erste MCU-Arbeit, komponierte er doch rund die Hälfte von „Avengers: Age of Ultron“ neu als Ergänzung zum ursprünglichen Score von Brian Tyler, und auch sonst ist Elfman ein alter Hase, was Superheldenfilme angeht, von „Batman“ über „Hulk“ bis hin zu „Spider-Man“ und „Justice League“.

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Stilistisch vereint “Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ die brachialen Arrangements von “Hellboy II: The Golden Army” und “Sleepy Hollow“, verfügt aber auch über einige verspielte und emotionale Elemente seiner besten Tim Burton-Scores. Dem geneigten Fan des Komponisten werden außerdem einige der verwendeten Themen bekannt vorkommen, doch dazu später mehr. Erwähnenswert ist, dass Elfman tatsächlich das Original-Strange-Thema von Michael Giacchino wiederverwendet, allerdings nur schätzungsweise im ersten Viertel des Films. Vorgestellt wird es bereits in „On the Run“ und dort rasant in die Action eingearbeitet, eröffnet „Gargantos“ herrlich pompös und heroisch und kommt auch in „Strange Statue“ und „Battle Time“ sowie, leicht versteckt, in „Not a Monster“ vor. Für den Rest des Scores macht die Musik aber Danny Elfmans eigenem Thema für den Charakter Platz, wobei er dieses bereits sehr clever in „Multiverse of Madness“ und „On the Run“ einbaut. Es ist ähnlich formbar wie das von Giacchino, jedoch nicht ganz so heroisch. In „Are You Happy“ hören wir es beispielsweise in einer hübschen Klavier-Version und am Ende von „Gargantos“ sehr tönend und bombastisch. Auch in „Not a Monster“, „Stranger Things Will Happen“, „Buying Time”, “Getting Through” und “Farewell” kommt es vor, stets angemessen variiert. Ich finde es schön, dass Elfman das Giacchino-Thema an einigen Stellen zitiert, allerdings ist die für Strange übliche Instrumentierung, welche Cembalo und Sitar umfasste und auf diese Weise auch in anderen MCU-Scores auftauchte, nicht in diesem Score enthalten, was ein wenig schade ist. Vielleicht wurde auf diese Merkmale bewusst verzichtet, obwohl ich nicht genau weiß, warum.

Bei dem Thema für Wanda/Scarlet Witch habe ich nicht lange gebraucht, um zu erkennen, dass Elfman hier im Prinzip ein Thema aus „Charlie and the Chocolate Factory“ wiederverwendet hat und dieser Umstand wurde online bereits kritisiert. Wobei ich jedoch einwerfen möchte: Hans Zimmer und James Horner haben dies auch zahllose Male getan, warum ist es so schlimm, wenn Elfman dies tut? Höchstwahrscheinlich ist dies auch unbeabsichtigt gewesen, „Charlie and the Chocolate Factory“ liegt über 15 Jahre zurück, möglicherweise hatte Elfman diese Melodie einfach nicht mehr im Kopf, wer weiß. So oder so, das Thema funktioniert hier ausgezeichnet: ebenfalls erstmals zu hören in „Multiverse of Madness“, hier mit unheimlichem Kinderchor, passt es sehr gut zu Wandas Konflikt und ihre gruseligen Kräfte. Weitere Statements finden sich am Ende von „Journey with Wong“, inmitten von „Home?“, am Schluss von „A Cup of Tea“ und „Grab My Hand“, in der Action von „Battle Time“, sehr traurig in „Not a Monster“ für Streicher und Chor und in „Book of Vishanti“. Tatsächlich kommt das Thema in sehr vielen Tracks vor, weitaus öfter anscheinend als dasjenige für Strange selbst, besonders „They’ll Be Loved“ ist hier ein gutes Beispiel für die verschiedenen Versionen der Melodie, sowohl tragisch als auch dramatisch sowie in „Farewell“ sehr traurig.

Doctor Strange 2

America Chavez hat ebenfalls ein eigenes Thema, welches ein wenig an Elfmans Hauptthema für „Dumbo“ erinnert und erstmals in „On the Run“ erklingt. Im Kern ist es sehr emotional und voller Hoffnung, konstant auf der Suche, was sehr gut zum Charakter passt. Sehr clever ist, wie wir es in „Strange Awakens“ auf Gitarren, Streichern und Holzbläsern hören, direkt nach Stranges Traum, welches sich später als eine Art Vision entpuppt. Elemente des Themas kommen in „Home?“ vor und eine sehr schöne Klavier- und Streicher-Version wird in „Discovering America“ gespielt. Danach verschwindet es für längere Zeit aus dem Score und taucht schließlich wieder in „Only Way“ auf, wo es sprichwörtlich gegen Wandas Thema kämpft und beide Melodien versuchen, die Oberhand zu gewinnen. Wirklich großartig zum Tragen kommt es in „Trust Your Power“, sowohl als sanfte Klavier-Variation und mit mehreren Action-Statements.

Es gibt auch ein Thema für die Idee des Multiversums selbst, gut zu hören beispielsweise in „Multiverse of Madness“ und einigen Action-Titeln, sowie eine Melodie für Wong, welche in die Action von „Gargantos“ und „Only Way“ eingearbeitet wird, angenehm heroisch.

Apropos Action: diese dominiert den Score und präsentiert alle typischen Elfman-Merkmale in ihrer ganzen Pracht. „On the Run“ ist deftig und wild, „Gargantos“ pompös und bombastisch und „The Decision Is Made“ besticht durch interessante Percussion-Elemente und Elektronik, welche ordentlich hämmern und klackern. „Grab My Hand“ ist wabernd, quietschend und schrill, „Stranger Things Will Happen“ nimmt erst nach und nach an Tempo zu und klingt dabei wie das Flash-Material aus „Justice League“, „Buying Time“ mischt abermals Orchester und Action und der Chor in „Book of Vishanti“ erinnert sehr an „Hellboy II“. Besonders „Getting Through“ ist teilweise sehr schnell und verrückt, aber „Lethal Symphonies“ dreht völlig durch: hier liefern sich zwei Versionen von Doctor Strange ein Duell mit Musiknoten, welche sie zu magischen Geschossen umfunktionieren. Auf diese Weise ziehen Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie und Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge in d-Moll in eine musikalische Schlacht. Die Art und Weise, wie beide Stücke hier umeinander herum arrangiert werden und noch dazu Elfmans charakteristische Action-Orchestrierung in sich vereinen ist ein großer Spaß und hätte gerne noch etwas länger dauern dürfen.

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“The Apple Orchard” ist lauernd und gefahrvoll, mit leichten Horrorelementen in den Streichern und in „A Cup of Tea“ kehrt Elfman zu seinen psychedelischen Wurzel zurück und verwendet schräge Rock-Elemente wie E-Gitarren, wabernde Synthesizer und unheimliche Chorstimmen, um einen fremdartigen Effekt zu erzielen. „Tribunal“ stellt ein neues Thema vor, welches die Mitglieder der Illuminati als Einheit repräsentiert, welches auch in der wilden Action von „Illuminati vs Wanda“ vorkommt und sich dort mit Alan Silvestris Captain America Marsch mischt, hier allerdings für Captain Peggy Carter, eine britische Multiversums-Version. Eine kurze Anspielung des Marsches hören wir außerdem in „Illuminati“, gemeinsam mit einem Statement des 90er-„X-Men“-TV-Themas von Haim Saban und Shuki Levy als nettes kleines Extra. In „Wanda at Home“ wird ebenfalls thematische Kontinuität gewahrt und das Titel-Thema von Wandas eigener TV-Serie „WandaVision“ neu arrangiert, komponiert von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez, welches anschließend in das neue Elfman-Thema für Wanda übergeht, hier um ein vielfaches schöner und trauriger.

In „An Interesting Question“ kommen am deutlichsten fernöstliche Klänge zum Vorschein, mit flotten Streicher-Ostinati und Gong-Percussion, was sehr schön klingt und mich an Hans Zimmers „The Last Samurai“ erinnert hat, mit einem hoffnungsvollen America-Statement für Streicher, Harfe und Klavier im Anschluss. Kurz darauf leiten Akustik- sowie E-Gitarren das Ende des Films ein, welches nach einem plötzlichen Stop in die „Main Titles“ übergeht. Ich liebe Danny Elfmans Main Title-Tracks, und dieser ist keine Ausnahme: beginnend mit wildem Chor, kräftigem Orchester und deftigen Percussion hören wir abermals das Multiverse-Thema, das neue Doctor Strange-Thema, Wandas Thema und dasjenige für America Chavez. Jeder Film sollte einen Original-Titel für den Abspann haben, mit neuen Arrangements der Hauptmelodien! „An Unexpected Visitor“ schließlich untermalt mit fremdartig wabernder Elektronik und nervösen Streichern sowie flotten Percussion die Mid-Credits-Szene, welche mich eher verwirrt hat – wie so häufig bei diesen Filmen.

Doctor Strange 2 with Wong

Fazit:

„Doctor Strange in the Multiverse of Madness” ist ein waschechter Elfman-Action-Score und genau die Art von Musik, welche ich auch sonst von ihm liebe. Zugegeben, hin und wieder dröhnen mir die Blechbläser ein klein wenig zu laut aus den Boxen (übersteuern schon fast) und einige Titel klingen etwas chaotisch, aber genau das ist natürlich auch die Absicht: tatsächlich verkauft die Musik das Multiverse-Konzept sehr viel gelungener, als dies bestimmte Szenarien des Films tun. Wen kümmert es, dass einem ein paar Themen sehr bekannt vorkommen und Elfman hier seine altbewährte „Box of Tricks“ weit öffnet? Was zählt, ist die letztendliche Wirkung, und diese hat mich absolut überzeugt. Wo Michael Giacchinos Score zum ersten Film ein wenig detaillierter und experimenteller war, besitzt Elfmans Arbeit mehr Wucht und Tempo. Dank der deftigen und furiosen Action, der emotionalen Themenarbeit und einiger herrlich kreativer Einfälle vergebe ich 4/5 Punkte an dieses Album. Dies ist Danny Elfmans rasantester Score seit Jahren und ich empfehle ihn allen geneigten Hörern, die seinen Stil ebenso feiern wie ich.

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

  1. Multiverse of Madness – 2:37
  2. On the Run – 2:17
  3. Strange Awakens – 0:47
  4. The Apple Orchard – 3:18
  5. Are You Happy – 1:08
  6. Gargantos – 2:50
  7. Journey with Wong – 1:44
  8. Home? – 4:08
  9. Strange Statue – 1:43
  10. The Decision Is Made – 1:14
  11. A Cup of Tea – 3:58
  12. Discovering America – 0:47
  13. Grab My Hand – 1:14
  14. Battle Time – 3:11
  15. Not a Monster – 2:38
  16. Forbidden Ground – 2:29
  17. Tribunal – 2:13
  18. Illuminati vs. Wanda – 2:47
  19. They’re Not Coming Back – 1:00
  20. Stranger Things Will Happen – 2:56
  21. Buying Time – 3:39
  22. Book of Vishanti – 2:45
  23. Looking for Strange – 1:38
  24. Strange Talk – 3:32
  25. Lethal Symphonies – 1:48
  26. Getting Through – 5:34
  27. Only Way – 2:51
  28. Trust Your Power – 2:54
  29. They’ll Be Loved – 3:59
  30. Farewell – 2:29
  31. An Interesting Question – 3:13
  32. Main Titles – 2:36
  33. An Unexpected Visitor – 0:32
  34. Illuminati – 2:13
  35. Wanda at Home – 1:06

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